Dialog im Dunkeln

Denkt mal bitte kurz nach: Wann habt ihr euch zum letzten Mal wirklich in eine andere Person hineinversetzt? Ich meine so richtig, voll und ganz die Sichtweise angenommen und quasi in den Schuhen des Anderen gelaufen.

Ich muss sagen, ich versuche das selbst ziemlich oft, mich in Andere hineinzuversetzen. Und eine Situation, in der es mir definitiv gelungen ist, war der Besuch bei Dialog im Dunkeln in Hamburg.

 

Dialog im Dunkeln

Dialog im was? Ja, richtig, im Dunkeln. Sie selbst beschreiben sich als „die Ausstellung im Dunkeln mit Rollentausch“. Aber fangen wir ganz vorne an. Ich erzähle euch unsere Geschichte.

Vor einigen Wochen war ich mit meinen Kollegen auf einem Seminar in Hamburg. Einer meiner Kollegen schlug vor, dass wir doch anschließend noch zu Dialog im Dunkeln gehen könnten. Ich muss zugeben, ich habe mich vorher nicht wirklich informiert, was das wirklich ist, dachte aber, dass das schon gut wird.

Als wir dann auf dem Weg zur Ausstellung waren, haben mir meine Kollegen erzählt, dass wir gleich von einer sehbehinderten Person durch komplett abgedunkelte Räume mit Hindernissen geführt werden. Diese Hindernisse, so stellte sich im Nachhinein heraus, waren einfach ganz normale Alltagssituationen, die für Menschen mit Einschränkungen jedoch nicht so selbstverständlich zu meistern sind. Ist mir so richtig allerdings auch erst im Nachhinein klargeworden. Denn wenn ich sonst Blinde beobachte, bin ich ziemlich oft von den Socken, wie gut sie durch den Verkehr in der Großstadt kommen. Wie viel da dazu gehört, davon hatte ich wirklich keine Vorstellung.

 

Abtauchen ins Dunkle

Aber jetzt erstmal zu unserer Erfahrung. Mit weißen Langstöcken haben wir uns also auf den Weg ins Dunkle gemacht. In unserer Gruppe waren noch zwei Mädels, die wir nicht kannten. Begrüßt haben wir uns ziemlich verhalten – im Hellen. Als wir dann von unserem Guide in einem dunklen Raum begrüßt wurden, waren wir alle sofort total angetan von seiner super sympathischen Stimme und seiner lockeren hanseatischen Art. Darauf folgte der erste kleine Realitätsschock. Die ersten Minuten im Dunkeln waren wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Ich persönlich hatte sogar kurz den Gedanken, ob ich bis zum Schluss durchhalte, da dieser Kontrollverlust über den Sehsinn so ungewohnt für mich war, dass es schon fast unangenehm wurde.

Ziemlich schnell hatten wir uns aber eingespielt. Wir halfen uns gegenseitig, die „Hindernisse“ in der Ausstellung zu überwinden. Die ganze Zeit begleitet von unserem Guide, der uns hindurch lotste und Tipps gab. Das klingt jetzt vielleicht so, als wären in der Ausstellung extra Parcours aufgebaut, die es gilt, zu überwinden. Ganz so ist es nicht. Eigentlich sind ganz normale Alltagssituationen nachgestellt. Aber alleine schon auf unebenen Böden zu gehen, war für uns Sehenden eine völlig neue Erfahrung. Wir mussten also auf unsere verbleibenden Sinne (hören, tasten, riechen und schmecken) vertrauen. Und ohne die Gegenstände zu sehen, war das wirklich etwas ganz Neues für uns. Auch, dass wir den Weg „nur“ mit Hilfe der übrigen Sinne und dem weißen Langstock zurücklegen mussten, war zu Anfang super seltsam. Habt ihr das schonmal probiert? Es ist anfangs gar nicht so einfach, den Stock so zu benutzen, dass man damit wirklich Hindernisse erkennen kann.

 

Fremden blind Vertrauen

Was uns alle ziemlich erstaunt hat, war, dass wir plötzlich total viel Körperkontakt mit Menschen hatten, die man sonst im normalen, hellen Alltag eher selten bis gar nicht anfasst. Nämlich seine Kollegen und Fremde, die eine Ausstellung mit einem besuchen. So ganz ohne Augenlicht wurden plötzlich Fremde zu Helfern. Und da wir keine andere Wahl hatten, haben wir den anderen einfach vertraut, dass sie uns schon auf dem Weg ins Helle helfen. Irgendwann ist dann die anfängliche Skepsis gewichen und es hat einen riesen Spaß gemacht, seinen Weg gemeinsam dadurch zu machen. Ganz normale Alltagsgegenstände werden ganz anders wahrgenommen, wenn man sie nicht sehen kann, sondern ertasten muss. Vielleicht kennt ihr das noch von früher, als man in Tastkästen verschiedene Gegenstände ertasten musste. Wenn nicht nur der Gegenstand selbst, sondern alles im Dunklen ist, ist das nochmal eine ganz neue Herausforderung. Unheimlich spannend, sage ich euch!

 

Dunkle Bar

Als wir anschließend alle zusammen in der Blinden-Bar, auch komplett dunkel, zusammensaßen, haben wir unseren Guide mit unzähligen Fragen gelöchert. Und wir alle waren mehr als begeistert von seiner positiven Einstellung zum Leben und davon, wie er seinen Alltag gestaltet. Wusstet ihr, dass es ein Gerät gibt, das sehbehinderten Menschen sagt, welche Farbe Gegenstände, wie z.B. Kleidungsstücke, haben? Dieses Gerät nennt man Color-Tester und gibt viele verschiedene Farben in unterschiedlichen Nuancen wieder. So können Blinde ihre Garderobe farblich zusammenstellen.

 

Helle Infos

Wir alle hatten uns bis dato schon oft vorgestellt, wie es wohl sein muss, nichts sehen zu können. Aber jetzt hatten wir einen richtigen Eindruck davon bekommen. Unser Guide hatte es geschafft, unseren Blickwinkel für das Wahrnehmen und Erleben alltäglicher Situationen auf eine andere Art und Weise zu eröffnen. Sein ganzes Verhalten, seine Art zu sprechen, sich zu bewegen, war alles so selbstverständlich, dass zwischen ihm und uns kein Unterschied war. Im Gegenteil, er hatte erhebliche Vorteile im Dunkeln verglichen mit uns. Denn er konnte sich prima zurechtfinden. Schließlich ist er es gewohnt, seinen Weg durch die Welt im Dunklen zu gehen. Und genau diese Feststellung verändert die Meinung über sehbehinderte Menschen total. Meine Erfahrung bei Dialog im Dunklen hat mich gelehrt: Diese Menschen wissen meist, wie sie durch ihren Alltag kommen. Und falls sie es nicht wissen, werden sie gezielt nach Hilfe fragen. Anders fühlen sie sich bevormundet und nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wahrgenommen. Ich habe daraus gelernt, dass ich behinderte Menschen in Zukunft erst fragen werde, ob sie Hilfe benötigen und falls ja, werde ich ihnen dann gerne helfen. Und nicht direkt hinspringen, helfen und sie so zu behandeln, als könnten sie nicht alleine zurechtkommen.

 

Dunkles Kennenlernen

Eine weitere, sehr spannende Erfahrung war es, jemanden komplett im Dunkeln kennenzulernen. Auf was man alles achtet! Zuerst ist uns die warmherzige und witzige Art unseres Guides aufgefallen. Was man doch alles durch seine Stimme transportiert und die Art zu sprechen, ist der Wahnsinn! Zugegeben, das ist keine neue Information, aber glaubt mir, wenn ihr jemanden kennenlernt, den ihr zunächst nur hört, und euch die Art der Person total gefällt, dann stellt ihr euch die sympathischste Person vor, die es nur gibt. Und ganz ehrlich, ist es nicht auch das, worauf es ankommt? Einfach mal den ersten, optischen Eindruck weglassen und wirklich zuzuhören, was der Andere zu sagen hat und wie er/sie es sagt? Ich finde schon. Auch das hat mir der Besuch bei Dialog im Dunkeln erneut vor Augen geführt.

 

Interview

Ihr merkt, wie dezent begeistert ich von der Erfahrung war. Nachdem wir in Hamburg waren, habe ich das Team von Dialog im Dunkeln kontaktiert und sie gefragt, ob ich über sie berichten darf. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Welt ein bisschen besser sein kann, wenn jeder von uns nur mal öfter die Perspektive eines Anderen einnimmt. Und da ich zudem ab und an für den Vereinsblog schreibe, muss ich diese Erfahrung einfach mit euch teilen!

Das Team von Dialog im Dunkeln war so nett, mir einige Fragen zu beantworten. Ein paar davon möchte ich gar nicht umschreiben und sie euch so zeigen:

 

Wie erleben Sie die Gruppendynamiken der Ausstellungsbesucher im Laufe eines Besuchs?

 

Ich erlebe alle Führungen unterschiedlich in ihrer Dynamik. Meist sind die Besucher am Anfang aufgeregt und ängstlich. Nach und nach gewöhnen sie sich dann an die Situation und es macht ihnen sogar Spaß. Oft fühlen sich die Besucher sicherer, wenn sie sich untereinander kennen, weil gegenseitiges Vertrauen schon besteht. Alle Besucher brauchen eine gewisse Zeit, um sich an die Situation von völliger Lichtlosigkeit zu gewöhnen, was mir oft auch rückgemeldet wird. Auch anfangs oft bestehende Berührungsängste werden oft erst nach und nach abgebaut.

 

Und mit dieser Frage verbunden, was sind typische Herausforderungen für Sehende in der Ausstellung und was fällt diesen besonders schwer? Wie helfen sich die Gruppenmitglieder dabei?

 

Sehende Menschen sind es gewohnt, ihren Alltag vorwiegend mit dem Sehsinn zu bewältigen. Sie stehen also beim Besuch der Ausstellung vor der großen Herausforderung, die verbleibenden Sinne zu aktivieren und zu nutzen. Das Tasten mit den Händen und dem weißen Langstock ist besonders am Anfang eine große Herausforderung. Schnell lernen die Besucher jedoch, dass es nützlich und hilfreich bei der Orientierung ist. Auch wird ihnen zunehmend bewusst, dass einerseits gegenseitiges Zuhören, andererseits miteinander reden zum „Dialog“ und damit zum Erfolg führt. Ich als Guide kann hier motivierend und unterstützend wirken.

 

Ein Ausstellungsbesuch für Vereine oder Abteilungen von Vereinen: Eignet sich ein solcher Besuch als Teambuilding-Maßnahme?

 

Ja, unbedingt! Unsere Dunkel aber auch die Stillen Workshops sind wirkungsvolle Maßnahmen. In der Dunkelheit verlassen Sie Ihre Komfortzone und entwickeln in diesem außergewöhnlichen Lernsetting Ihre Persönlichkeit, ihre kommunikativen Kompetenzen und die Team Zusammenarbeit. Die Dunkelheit verbindet Menschen und schweißt Teams schnell zusammen.

 

Warum berichte ich darüber?

Und da wir uns auf unserem Blog auf die Fahne schreiben, Menschen damit zusammen zu bringen, konnte ich nicht anders als über diese wunderbare Erfahrung zu berichten. Dieser Post ist ein persönlicher Erfahrungsbericht und einzig und allein persönlich motiviert. Ich kann euch nur ans Herz legen, eure Komfortzone mal zu verlassen und euch in die Perspektive eines Anderen hineinzuversetzen. Und glaubt mir, ihr werdet nicht nur über sehbehinderte oder über die Menschen, mit denen ihr die Ausstellung zusammen besucht, danach anders denken. Vor allem wird es euch dazu bewegen, eure Stereotypen in Frage zu stellen und eure Perspektive ein bisschen in ein anderes Licht zu rücken. Versprochen!

 

Na, neugierig?

Wenn ihr mehr über Dialog im Dunkeln und die verschiedenen Projekte erfahren möchtet, besucht doch die Website. Ein Fakt, den ich unbedingt noch erwähnen möchte, ist, dass alleine die Projekte von DIALOG an und für sich eine tolle Sache sind. Hier finden viele Menschen eine Arbeit, bei der sie ihre Fähigkeiten einbringen können und ermöglichen es so, dass Menschen eine tolerantere Haltung einnehmen können. Die Vision ist es, zu einer empathischen Welt ohne Vorurteile beizutragen. Eine tolle Sache, finde ich! 🙂

 

Mein herzlicher Dank geht an das gesamte Team von Dialog im Dunkeln in Hamburg, die nicht nur unseren Ausstellungsbesuch zu etwas ganz Besonderem gemacht haben, sondern auch im Nachhinein noch Fragen beantwortet haben. Chapeau für eure Leistung – toll, was ihr da auf die Beine stellt!

Lena Kullmann

Mein Name ist Lena Kullmann. Als Studentin habe ich im Marketing von MEINVEREIN gearbeitet. In dieser Zeit habe ich über verschiedene Themen rund um die Vereinswelt geschrieben.

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