Ausgaben nachträglich ansetzen

Bis wann ist das möglich?


Die Steuererklärung ist längst an das Finanzamt übermittelt. Doch Sie haben vergessen, steuermindernde Ausgaben anzusetzen. Was können Sie tun?

Sie haben den Steuerbescheid noch nicht erhalten

Endlich gepackt! Sie haben sich überwunden und tatsächlich Ihre Steuererklärung gemacht und auch schon elektronisch beim Finanzamt abgegeben. Doch, was ist das? Durch Zufall haben Sie in Ihren Unterlagen einen weiteren Beleg über eine Ausgabe entdeckt, der Ihre Steuer mindern könnte. Was nun?

Solange Sie noch keinen Steuerbescheid erhalten haben, geht die Sache ganz einfach: Tragen Sie in Ihr Steuerprogramm einfach die neu entdeckte Ausgabe ein und geben Ihren Steuerfall erneut elektronisch ab.

Haben Sie Ihre Steuererklärung noch auf althergebrachtem Wege per Post eingereicht? Dann schicken Sie dem Finanzamt einfach einen formlosen Brief. Diesem legen Sie die Belege über die Ausgaben bei und bitten um den nachträglichen Ansatz der Kosten. Diese werden dann zu Ihrer Steuererklärung gelegt – und alle Unterlagen zusammen geprüft.

Die Einspruchsfrist läuft noch

Sie haben den Bescheid schon in den Händen, als Sie tief in der Schublade noch steuerrelevante Unterlagen entdecken? Hier haben Sie zwei Möglichkeiten: Stellen Sie einen Antrag auf schlichte Änderung oder legen Sie Einspruch ein.

1. Möglichkeit: Antrag auf schlichte Änderung

Bei einer schlichten Änderung können Sie die Änderung in nur einem bestimmten Punkt der Steuererklärung beantragen. Ihr Steuerfall wird nicht nochmals im vollen Umfang geprüft. Der Sachbearbeiter im Finanzamt schaut sich nur die von Ihnen neu eingereichten Angaben an- mehr nicht. Eine Änderung zu Ihren Ungunsten ist somit nicht möglich.

Achten Sie auf die Einspruchsfrist
Mit dem Antrag auf schlichte Änderung oder dem Einspruch sollten Sie nicht zu lange trödeln: Das Schreiben muss binnen der sogenannten „Einspruchsfrist“ von einem Monat beim Finanzamt sein!
Vorgehen: Stellen Sie einen formlosen Antrag auf schlichte Änderung. Teilen Sie darin dem Finanzamt genau bestimmte Änderungen mit und legen Sie die entsprechenden Belege bei.

2. Möglichkeit: Einspruch

Geläufiger aber risikoreicher ist der Einspruch. Hier wird Ihre gesamte Steuererklärung meist nochmals geprüft. Entdeckt der Finanzbeamte dabei Unstimmigkeiten, kann er die betreffenden Ausgaben aus der Erklärung streichen – und Sie müssen möglicherweise mehr Steuern zahlen als noch vor dem Einspruch. Dies nennt man im Fachjargon „Verböserung“.

Doch allzu schlimm ist es dann doch nicht: Das Finanzamt muss Sie über die geplante „Verböserung“ informieren und Ihnen Gelegenheit geben, sich zu äußern. Jetzt können Sie nachrechnen: Stehen Sie nun schlechter da als vor dem Einspruch? Ziehen Sie Ihren Einspruch zurück! Dadurch bleibt alles beim Alten – der ursprüngliche Steuerbescheid wird endgültig wirksam.                     

Wie Sie die Einspruchsfrist berechnen

Zählen Sie zum Datum Ihres Steuerbescheides die darauf folgenden drei Werktage hinzu. Darauf rechnen Sie noch einen Monat. Bis zu diesem Termin muss Ihr Einspruch beim Finanzamt liegen. Ist dieser Termin ein Samstag, Sonntag oder Feiertag? Dann endet die Frist am nächsten Werktag.

Datum des Steuerbescheides16.03.2018
Bekanntgabe ( 3 Tage später) 19.03.2018
Beginn der Einspruchsfrist20.03.2018
Ende der Einspruchsfrist19.04.2018

Ausgaben vergessen: Nach der Einspruchsfrist

Ist die Einspruchsfrist für den Steuerbescheid schon abgelaufen, wird es schwieriger. Hier gibt es wiederum zwei Möglichkeiten, die Sie binnen der Festsetzungsfrist von vier Jahren nach Erlass des Steuerbescheids haben:

Einspruch aufgrund neuer Tatsachen

Neue Tatsachen liegen vor, wenn Sie Ihre Steuerspar-Möglichkeit tatsächlich beim Erstellen Ihrer Steuererklärung nicht kannten. Wichtig hierbei: Sie dürfen daran kein grobes Verschulden haben, dass diese Tatsache Ihnen erst nachträglich bekannt wurde. Laut Rechtsprechung liegt dies vor, wenn weder im Formular der Steuererklärung noch in der Anleitung die vergessenen Ausgaben ausdrücklich erwähnt werden. Da mittlerweile die meisten Kostenpositionen im engeren oder weiteren Sinne in den Vordrucken oder der Anleitung zu finden sind, dürfte dies ziemlich schwierig werden.

Bessere Chancen im Vergleich zu heute hatte ein KFZ-Mechaniker im Jahre 1986: Er wollte nachträglich die Kosten für sein Arbeitszimmer anerkennen lassen. Infolge mangelnder Steuerrechts-Kenntnisse und fehlender Erläuterungen sowohl in Vordrucken als auch der Anleitung der Steuererklärung gab der Bundesfinanzhof ihm Recht: Ihn traf kein grobes Verschulden – und er konnte die Kosten nachträglich in Abzug bringen. Dies wäre heute dank ausführlicher Anleitung nicht mehr möglich.

Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand

Haben Sie die Einspruchsfrist versäumt, besteht noch die Möglichkeit, Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand zu beantragen. Dabei werden Sie so gestellt, als ob Sie die Frist nie versäumt hätten.

Voraussetzung: Sie haben die ursprüngliche Einspruchsfrist unverschuldet versäumt. Gründe hierfür sind zum Beispiel eine schwere akute Erkrankung oder hohes Alter und dadurch körperliche und geistige Gebrechen. Nicht darunter fallen hingegen eine leichte Erkrankung, Arbeitsüberlastung oder eine fehlerhafte Fristberechnung.

Den Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand müssen Sie innerhalb eines Monats, nachdem der Hinderungsgrund weggefallen ist, stellen.

Belege einfach im nächsten Jahr absetzen?

Das geht leider nicht. Schuld: das Zufluss-Abfluss-Prinzip. Dieses besagt, dass Ausgaben nur in dem Jahr angesetzt werden können, in dem sie auch bezahlt wurden.

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Aktuelle Gerichtsurteile zum Thema

Der Fall

Ein junger Vater reichte seine Steuererklärung 2008 via ELSTER ein. Dabei gab er die Unterhaltszahlungen an die Mutter seines leiblichen Kindes und Lebensgefährtin nicht an. Er holte dies ein Jahr später nach aber die Anerkennung wurde mangels rechtzeitiger Geltendmachung abgelehnt. Das Finanzamt argumentierte, dass der Steuerpflichtige durch das Säumen der fristgerechten Geltendmachung grob fahrlässig gehandelt hätte. Der junge Vater trat an das zuständige Finanzgericht Hamburg heran und bekam durch den ersten Senat Recht. Das Finanzgericht Hamburg hob den abgelehnten Bescheid auf und verurteilte das zuständige Finanzamt zur nachträglichen Berücksichtigung der geleisteten Unterhaltszahlungen.

Kein grobes Verschulden

Das Finanzgericht Hamburg begründete sein Urteil mit Paragraph 173 Abs. 1 Nr. 2 Satz 1 Abgabenordnung. Demnach können Steuerbescheide aufgehoben oder geändert werden, wenn neue Tatsachen oder Beweise auftreten. Steuerbescheide können immer abgeändert werden, wenn die neuen Tatsachen oder Beweismittel zu einer höheren Steuerlast führen. Falls diese aber zu einer niedrigere Steuerlast begründen, ist die Änderung oder Aufhebung des Steuerbescheides an die Bedingung geknüpft, dass dem Steuerpflichtigen kein grobes Verschulden zugerechnet werden kann.

Der Gesetzgeber versteht darunter folgendes: Grobes Verschulden setzt Vorsatz voraus. Wer als Steuerpflichtiger seine ihm zumutbare Sorgfalt in ungewöhnlichem Maße und in nicht entschuldbarer Weise verletzt hat, handelt grob fahrlässig (Bundesfinanzhof, Aktenzeichen VIII R 65/93).

Subjektives Wissen entscheidend

Da der Kläger ein Hilfsprogramm zur Erstellung seiner Einkommensteuererklärung verwendet hat, liegt schon allein deshalb kein grobes Verschulden vor da er nach seinem subjektiven Wissen die Steuerformulare ausgefüllt hat. Wenn allerdings eine Steuersoftware den Benutzer auffordert Angaben zu diesen potenziellen Ausgaben zu machen, diese aber bewusst auslässt, ist die nachträgliche Aufhebung oder Änderung des Steuerbescheides aufgrund neuer Tatsachen ausgeschlossen.

Erläuterungen nicht konkret genug

Im konkreten Fall war dem Steuerpflichtigen kein grobes Verschulden zuzurechnen, da bei der Erstellung seiner Einkommensteuererklärung mit dem ELSTER- Formular keine hinreichenden Angaben zu den betroffenen Feldern nachzuweisen ist. Die Erläuterungen zur Anlage Unterhalt befasste sich lediglich mit Zahlungen an unterhaltsberechtigten Personen wie Eltern, Großeltern und Kinder. Erst bei genauer Durchsicht der Anlage fände sich an ihrem Ende eine Erwähnung der Kindesmutter. Deshalb sei dem jungen Vater kein grob fahrlässiges Verhalten vorzuwerfen.

Aus diesem Grund betonte das Finanzgericht Hamburg noch einmal, dass das Finanzamt keine überzogenen Anforderungen an die Steuerpflichtigen stellen dürfe und berücksichtige dabei auch, dass es in elektronischen Formularen deutlich schwieriger sei, die auszufüllenden Felder zu überblicken, als bei einem Papierformular.

Finanzgericht Hamburg, Aktenzeichen 1 K 43/11

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