Außergewöhnliche Belastungen

Außergewöhnliche Belastungen

Wie Sie die zumutbare Belastung jetzt berechnen


Manche Privatausgaben können Sie ab einer gewissen Grenze von der Steuer absetzen. Nun wird diese Grenze neu berechnet- wir zeigen Ihnen, worauf Sie beim Steuerbescheid achten müssen.

Alte Berechnungsmethode war falsch

Die Überraschung kam Ende März: Der Bundesfinanzhof stellte fest, dass Steuerzahler höhere außergewöhnliche Belastungen als bisher geltend machen können (Wir berichteten hier.)

Denn bei Überschreitung der jeweiligen drei Einkommensstufen wurde der jeweils höhere Prozentsatz auf den Gesamtbetrag aller Einkünfte angerechnet. Nicht mehr nach dem neuesten Urteil. Demnach ermittelt das Finanzamt die zumutbare Eigenbelastung künftig stufenweise.

Was ist die zumutbare Belastung?

Ausgaben, insbesondere Krankheits-, Kur-, Pflege-, Behinderungskosten, mindern als außergewöhnliche Belastungen Ihre Steuer. Dabei kürzt das Finanzamt den Betrag um die zumutbare Belastung.

Die Zumutbarkeitsgrenze wird in drei Stufen (Stufe 1 bis 15.340 Euro, Stufe 2 bis 51.130 Euro, Stufe 3 über 51.130 Euro) nach einem bestimmten Prozentsatz des „Gesamtbetrags der Einkünfte“ bemessen. Diese beträgt je nach Familienstand und Kinderzahl zwischen 1 und 7 Prozent.

So hoch ist ihre zumutbare Belastung

Bei einem Gesamtbetrag der EinkünfteBis 15.340 EuroÜber 15.340 Euro
bis 51.130 Euro
Über 51.130 Euro
bei Steuerpflichtigen ohne Kinder
- nach dem Grundtarif5 %6 %7 %
- nach dem Splitting-Tarif4 %5 %6 %
bei Steuerpflichtigen
- mit 1 oder 2 Kindern2 %3 %4 %
- mit 3 oder mehr Kindern1 %1 %2 %
des Gesamtbetrags der Einkünfte

Nach bisheriger Rechtslage richtet sich die Höhe der zumutbaren Belastung insgesamt nach dem höheren Prozentsatz, sobald der Gesamtbetrag Ihrer Einkünfte eine der o.g. Grenzen überschreitet. Dann ist der höhere Prozentsatz auf den „Gesamtbetrag aller Einkünfte“ anzuwenden.

Warum plötzlich eine neue Berechnung der zumutbaren Belastung?

Im Januar 2017 hat der Bundesfinanzhof einmal genauer ins Gesetz geschaut und dabei überraschend festgestellt, dass die zumutbare Belastung bisher völlig falsch berechnet wurde. Der gesetzlich festgelegte Prozentsatz beziehe sich ja gar nicht auf den „Gesamtbetrag aller Einkünfte“, sondern nur auf den Teil des „Gesamtbetrags der Einkünfte“, der den jeweiligen Stufengrenzbetrag übersteigt.

Beispielsweise erfasst der Prozentsatz für Stufe 3 nur den 51.130 Euro übersteigenden Teilbetrag der Einkünfte. Für jeden Stufengrenzbetrag ist also die entsprechende zumutbare Belastung zu ermitteln, und die ermittelten Beträge werden dann addiert (Aktenzeichen VI R 75/14).

So funktioniert die neue Berechnung: Ein Vergleich

Die Berechnung der zumutbaren Belastung nach der alten Methode funktionierte wie folgt: Bei einem kinderlosen Single mit einem Gesamtbetrag der Einkünfte von 60.000 Euro pro Jahr beträgt die zumutbare Belastung sieben Prozent. Dementsprechend liegt sein Eigenanteil bei 4.200 Euro. Erst ab diesem Betrag wirken die Ausgaben auch wirklich aus.

Anders die neue Methode, nach der die zumutbare Belastung stufenweise berechnet werden muss. So rechnet nun das Finanzamt:

  •  5 % auf die ersten 15.340 Euro = 767 Euro
  • 6 % auf das Einkommen zwischen 15.340 Euro und 51.130 Euro = 2.147,40 Euro
  • 7 % auf den Rest von 8.870 Euro = 620,90 Euro

Insgesamt beträgt die zumutbare Belastung jetzt nur noch 3.535,30 Euro. Alles was darüber hinausgeht, kann er nun beim Finanzamt als außergewöhnliche Belastungen abziehen.

Neue Berechnung ab 01.06.2017 für alle offene Fälle

Aktuell informiert das Bundesfinanzministerium, dass die Finanzverwaltung das neue BFH-Urteil akzeptiert – und zwar ab dem 1. Juni 2017 für alle noch offenen Steuerfälle: Die geänderte Berechnungsweise soll möglichst umgehend schon im Rahmen der automatisierten Erstellung der Einkommensteuerbescheide Berücksichtigung finden.

Prüfen Sie Ihren Bescheid mit dem Online-Rechner

Um die Berechnung des Finanzamts zu checken, brauchen Sie nur eine Zahl aus dem Steuerbescheid: den Gesamtbetrag der Einkünfte. Diese Zahl gibt man in den offiziellen Rechner der Oberfinanzdirektion Niedersachsen ein.

Hat das Finanzamt genau diesen Betrag im Steuerbescheid auch als „zumutbare Belastung“ angesetzt? Dann hat das Finanzamt bei Ihnen bereits die neue Rechenmethode angewendet. Wurde mehr als dieser Betrag abgezogen, höchstwahrscheinlich noch die alte.

So sichern Sie sich Ihren Steuervorteil

Das Finanzamt hat die geänderte Berechnungsweise in Ihrem Steuerbescheid ab dem 01.06.2017 nicht berücksichtigt? Wir empfehlen Ihnen, Einspruch gegen den Steuerbescheid einzulegen und die Anwendung des neuen Berechnungsverfahrens für die zumutbare Belastung zu begehren.

Da die bisherige Rechtsauslegung falsch war, muss das Finanzamt ggf. auch Steuerbescheide ändern, die wegen eines Einspruchs ruhen oder mit einem Vorbehalt der Nachprüfung (gem. § 164 AO) ausgestattet sind oder die sich in einem Klageverfahren befinden.

Zu ändern sind u.E. ebenfalls Steuerbescheide, die einen Vorläufigkeitsvermerk gemäß § 165 Abs. 2 AO bezüglich der zumutbaren Belastung bei Krankheits- oder Pflegekosten tragen.

Stufenweise Ermittlung vorteilhafter

Durch die stufenweise Berechnungsmethode ergibt sich – gegenüber bisheriger Rechtslage – insgesamt eine niedrigere zumutbare Belastung, die von den geltend gemachten außergewöhnlichen Belastungen abzuziehen ist. Im Ergebnis kann diese Berechnung zu einem höheren steuerlichen Abzug der außergewöhnlichen Belastungen – und damit zu einer niedrigeren Einkommensteuer – führen.

Die neue Regelung ist zwar komplizierter in der Berechnung, jedoch von großem Vorteil für Steuerzahler– und darauf kommt es schließlich an.

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