Differenzbesteuerung

Umsatzsteuer beim Gebrauchtwarenhandel


An- und Verkauf: Ein Geschäftsmodell, das sich durch viele Bereiche zieht. Egal ob Kunst, Antiquitäten, Autos oder Schmuck – mit der Aufbereitung und dem Wiederverkauf gebrauchter Waren lässt sich gutes Geld verdienen. Im Umsatzsteuerrecht stellt sich dabei oft die Frage, wie der Umsatz besteuert wird. Hier kommt die Differenzbesteuerung ins Spiel. Was das genau ist? Lesen Sie in unserem Beitrag.

Ăśbersicht zur Differenzbesteuerung

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Was bedeutet Differenzbesteuerung?

Das Prinzip der Differenzbesteuerung ist einfach. Man nehme den Verkaufspreis und ziehe davon den Einkaufspreis ab. Als Ergebnis steht der Umsatz, auf den die Umsatzsteuer berechnet wird. Das klingt erstmal logisch. Doch nicht jeder darf die Differenzbesteuerung anwenden. Genauer gesagt befinden wir uns hier in einem kleinen Spezialbereich des Umsatzsteuerrechts. Es stellt sich also die Frage, in welchen Fällen die Differenzbesteuerung zum Einsatz kommt und welchen Zweck sie erfüllt. Um dies deutlich zu machen, möchten wir zunächst die Unterschiede zu den allgemeinen Regeln der Umsatzsteuer herausstellen.

Exkurs: Das Prinzip der Umsatzsteuer

Ziel der Umsatzsteuer ist es, die Wertschöpfung innerhalb einer Lieferkette zu besteuern. Die einzelnen Unternehmer der Lieferkette führen die Umsatzsteuer ans Finanzamt ab. Die Höhe bemisst sich dabei nach dem Nettoumsatz.

Im Gegenzug können sich Unternehmer die gezahlte Vorsteuer auf eingekaufte Waren und Dienstleistungen vom Finanzamt erstatten lassen. Am Ende wird allerdings die gesamte Wert- bzw. Preissteigerung an den privaten Endverbraucher weiterberechnet. Dieser zahlt die Umsatzsteuer in voller Höhe an den letzten Händler – nicht an das Finanzamt. Das wird an folgendem Beispiel deutlich:

Beispiel
Unternehmer 1 ist Möbelhersteller. Hierfür kauft er Rohstoffe und Materialien für 357 Euro (brutto) ein. Das Möbelstück verkauft er dann für 595 Euro (brutto) weiter an einen Zwischenhändler. Dieser vertreibt es für 833 Euro (brutto) weiter an ein Möbelhaus. Das Möbelhaus verkauft die Möbel dann für 952 Euro (brutto) an den privaten Endverbraucher.
 EinkaufVerkaufVom Finanzamt erstattete VorsteuerAn das Finanzamt gezahlte UStDifferenzWertsteigerung
Rohstoffhändler - 300 € zzgl. 57 € USt - 57 €57 €300 €
Unternehmer 1300 € zzgl. 57 € USt500 € zzgl. 95 € USt57 €95 €38 €200 €
Zwischenhändler500 € zzgl. 95 € USt700 € zzgl. 133 € USt95 €133 €38 €200 €
Möbelhaus700 € zzgl. 133 € USt800 € zzgl. 152 € USt133 €152 €19 €100 €
Summe152 €800 €
Endverbraucher800 € zzgl. 152 € USt - - - - -

Das Problem: Gebrauchtwarenhandel

Beim Handel mit gebrauchten Waren stehen die Unternehmer allerdings vor einem Problem. Der große Unterschied zur Lieferkette oben ist nämlich, dass der Händler meist bei einer Privatperson einkauft. Das bedeutet, dass er aus dem Kauf keine Vorsteuer abziehen kann. Andersherum muss er aber beim Weiterverkauf der Ware Umsatzsteuer ausweisen und abführen. Damit würde das Prinzip der Umsatzsteuer durchbrochen und die Ware doppelt besteuert werden.

Eine Privatperson kauft beim Möbelhaus für 952 Euro das Möbelstück aus dem obigen Beispiel. Später verkauft es die Person für 300 Euro an einen Antiquitätenhändler. Dieser bereitet das Möbelstück auf und verkauft es für 600 Euro zzgl. 114 Euro USt weiter.

Hier sind bereits alle Ebenen der Wertschöpfung mit Umsatzsteuer belastet worden. Trotzdem müsste der Antiquitätenhändler nochmals Umsatzsteuer beim Verkauf der Ware abführen. Und zwar in Höhe von 114 Euro (600 x 1,19 = 714 Euro). Tatsächlich sollte es so sein, dass er nur seine eigene Preissteigerung versteuern muss (hier: 300 Euro x 19 % = 57 Euro). Das ist aber hier deshalb nicht möglich, da er beim Einkauf des Möbelstücks von einer Privatperson nicht zum Vorsteuerabzug berechtigt ist.

Die Lösung: Die Differenzbesteuerung nach § 25a UStG

Und hier kommt nun die Differenzbesteuerung ins Spiel. Sie ist genau für die Fälle gedacht, in denen es beim Gebrauchtwarenhandel unter Anwendung der allgemeinen Vorschriften zur Doppelbesteuerung kommt bzw. kommen würde. Der Grundsatz der Differenzbesteuerung besagt: Die Umsatzsteuer muss nur auf die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis gezahlt werden. Damit wird der Händler so gestellt, als ob er aus dem Kauf der Ware einen Vorsteuerabzug hatte. Die Vorschriften zur Differenzbesteuerung sind im § 25a Umsatzsteuergesetz enthalten.

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FĂĽr wen ist das interessant?

Die Differenzbesteuerung ist nur für einen bestimmten Unternehmerkreis interessant. Und zwar sind Sie nur davon betroffen, wenn Sie Wiederkäufer oder Veranstalter von öffentlichen Versteigerungen sind. Dabei ist es nicht unbedingt Voraussetzung, dass Sie als Wiederverkäufer ausschließlich mit gebrauchten Waren handeln. Die Differenzbesteuerung kommt auch in Betracht, wenn Sie den Gebrauchtwarenhandel zusätzlich zum Handel mit Neuware betreiben.

Wichtig ist allerdings, dass dieser Handel – wenn auch nur zu einem Teil – zu Ihrem Geschäftsmodell gehört.

Beispiel
Ein Ingenieur veräußert seinen gebrauchten PKW. Er darf die Differenzbesteuerung für den Verkauf nicht anwenden. Der Gebrauchtwagenhandel stellt nämlich keinen Teil seines Geschäftsmodells dar. Es handelt sich hierbei lediglich um den Verkauf von Anlagevermögen.
Beispiel
Ein KFZ-Händler bietet neben Neuwagen auch von Privatpersonen gekaufte Gebrauchtwagen zum Verkauf an. Für die Umsätze aus dem Weiterverkauf der Gebrauchtwagen darf er die Differenzbesteuerung anwenden.

Welche Gegenstände sind betroffen?

Grundsätzlich fallen alle gebrauchten beweglichen körperlichen Gegenstände unter die Differenzbesteuerung. Das sind z. B. Autos, Möbel, Kunstwerke oder Schmuckstücke – also alles, was Sie anfassen können und nicht fest mit einem Ort verbunden ist. Nicht als bewegliche körperliche Gegenstände zählen z. B. Gebäude oder Grundstücke (nicht beweglich) oder Wertpapiere bzw. Aktien  (nicht körperlich bzw. materiell). Diese Wirtschaftsgüter werden nicht von der Differenzbesteuerung erfasst.

Die Differenzbesteuerung ist auch beim bloĂźen Weiterverkauf von Einzelteilen des erworbenen Gegenstandes (z. B. Ausschlachten von Autos) nicht anwendbar.

Keine Differenzbesteuerung fĂĽr Edelsteine und -metalle

Es gibt jedoch auch körperliche, bewegliche Gegenstände, die ausdrücklich nicht unter die Differenzbesteuerung fallen. Das sind z. B. Edelsteine oder Diamanten wie beispielsweise Rubine, Saphire oder Smaragde. Das gleiche gilt für Edelmetalle wie z. B. Gold, Silber oder Platin.

Die Differenzbesteuerung dürfen Sie jedoch anwenden, wenn Sie mit synthetischen Edelsteinen oder Edelmetall-Legierungen sowie Gegenständen, die aus Edelsteinen oder – Metallen hergestellt sind (z. B. Schmuck) handeln.

Wann ist ein Gegenstand „gebraucht“?

Die gute Nachricht: Auf eine Prüfung, ob Ihr erworbener Gegenstand tatsächlich vom Vorbesitzer „gebraucht“ wurde, können Sie verzichten. Wichtig ist, dass Sie beim Erwerb des Gegenstandes keine Vorsteuer abziehen durften. Das ist dann der Fall, wenn

  • der Verkäufer fĂĽr die Ware keine Umsatzsteuer schuldet oder sie nicht erhoben wird (z. B. bei Privatpersonen oder Kleinunternehmern) oder
  • der Verkäufer fĂĽr die Ware ebenfalls die Differenzbesteuerung anwendet
Beispiel
Ein Händler kauft von einer Privatperson eine Musikanlage zum Weiterverkauf. Der Verkäufer hat die Anlage selbst nie benutzt. Zwar ist die Anlage in dem Sinne keine „Gebrauchtware“. Allerdings durften Sie aus dem Kauf von einer Privatperson keine Vorsteuer abziehen. Deshalb zählt die Anlage zu den Gegenständen, auf die Sie die Differenzbesteuerung anwenden dürfen.

Sonderregelung für Kunstgegenstände

Für bestimmte Gegenstände dürfen Sie entgegen der allgemeinen Regel die Differenzbesteuerung auch anwenden, wenn Sie beim Kauf zum Vorsteuerabzug berechtigt waren. Von dieser Ausnahme sind Kunstgegenstände, Sammlungsstücke und Antiquitäten erfasst. Hier müssen Sie also nicht für jeden Gegenstand einzeln prüfen, ob die Differenzbesteuerung Anwendung findet.

Wir wird die Steuer bei der Differenzbesteuerung berechnet?

Die Umsatzsteuer berechnet sich bei der Differenzbesteuerung nach dem Unterschiedsbetrag zwischen Verkaufs- und Einkaufspreis. Die Umsatzsteuer gehört hierbei nicht zur Bemessungsgrundlage. Das heißt, sie muss aus dem Ergebnis herausgerechnet werden. Der Umsatzsteuersatz beträgt 19 Prozent (allgemeiner Steuersatz). Die vorübergehende Umsatzsteuerermäßigung auf 16 Prozent findet vom 1. Juli 2020 bis zum 31. Dezember 2020 auch bei der Differenzbesteuerung Anwendung.

Beispiel
Ein Gebrauchtwagenhändler erwirbt von einer Privatperson ein Auto für 2.000 Euro. Er verkauft es nach Aufbereitung für 3.500 Euro weiter. Die Differenz beträgt 1.500 Euro. Die Umsatzsteuer (19 %) muss herausgerechnet werden. Die Bemessungsgrundlage beträgt 1.260,50 Euro (1.500 Euro / 1,19). Der Händler muss 239,50 Euro an Umsatzsteuer ans Finanzamt abführen.

Ausnahme: Kunstgegenstände ab 2014

Einen besonderen Fall stellen Kunstgegenstände dar, deren Einkaufspreis sich nicht ermitteln lässt oder unter 500 Euro (netto) liegt. Hier kommt seit 2014 die Pauschalmarge ins Spiel. Sie müssen also fiktiv einen Einkaufspreis ermitteln. Dieser beträgt 30 Prozent Ihres Verkaufspreises.

Die Regelung gilt nur für Kunstgegenstände (z. B. Gemälde, Bildhauerkunst, Collagen, Originalstiche etc.). Sammlungsstücke sind davon ausgenommen.

Ausnahme: Gesamtdifferenz

In der Regel muss die Differenzbesteuerung für jeden Gegenstand einzeln angewandt werden. Ausnahmsweise dürfen Sie aber auch eine Gesamtdifferenz aus allen Ver- und Einkäufen eines Jahres bilden. Das ist für die Gegenstände möglich, deren Einkaufspreis höchsten 500 Euro betragen hat.

Wenn Sie von der Ausnahme Gebrauch machen, gilt sie für alle Gegenstände, deren Einkaufspreis diese Grenze nicht überschreitet.

Bei Gegenständen, deren Einkaufspreis teurer war als 500 Euro, müssen Sie die Einzeldifferenz ermitteln.

Was mĂĽssen Sie bei Ausgangsrechnung und Aufzeichnungen beachten?

Für Waren, bei denen die Differenzbesteuerung zur Anwendung kommt, dürfen Sie in Ihrer Ausgangsrechnung keine Umsatzsteuer ausweisen. Auch dann nicht, wenn der Käufer zum Vorsteuerabzug berechtigt ist.

Achtung!
Weisen Sie die Steuer dennoch aus, so schulden Sie die ausgewiesene Umsatzsteuer. Und zwar zusätzlich zu der bereits geschuldeten Umsatzsteuer, die sich unter Anwendung der Differenzbesteuerung ergibt.

Damit das Finanzamt im Zweifel nachvollziehen kann, wie Sie Ihre Bemessungsgrundlage fĂĽr die Besteuerung ermitteln, mĂĽssen Sie hierĂĽber entsprechende Aufzeichnungen fĂĽhren. Unter anderem mĂĽssen Sie Verkaufspreise, Einkaufspreise sowie die daraus ermittelte Bemessungsgrundlage aufzeichnen.

Haben Sie neben der Differenzbesteuerung auch Umsätze, die Sie nach allgemeinen Vorschriften versteuern, müssen Sie die Aufzeichnungen getrennt voneinander führen.

Falls Sie von einer der Sonderregelungen für Kunstgegenstände, Sammlungsstücke oder Antiquitäten Gebrauch machen, müssen hierzu in der Rechnung entsprechende Angaben enthalten sein.

Wann ist der Verzicht auf die Differenzbesteuerung sinnvoll?

Grundsätzlich haben Sie bei jeder Lieferung die Wahl, ob Sie die Differenzbesteuerung anwenden oder die allgemeinen Vorschriften. Allerdings macht es in der Regel nur Sinn, auf die Differenzbesteuerung zu verzichten, wenn Sie aus dem Einkauf die Vorsteuer abziehen können. Das könnte zum Beispiel beim Handel mit Kunstgegenständen, Sammlungsstücken oder Antiquitäten vorteilhaft sein, wenn Sie die Vorsteuer aus der Eingangsrechnung abziehen durften.

Daneben kann die Versteuerung nach allgemeinen Vorschriften beim Verkauf der Ware ins EU-Ausland sinnvoll sein. Hierauf gehen wir in diesem Beitrag allerdings nicht weiter ein.

Das Wahlrecht entfällt, wenn Sie von der Vereinfachungsregelung (Gesamtdifferenz) Gebrauch machen.

Kleinunternehmer und Differenzbesteuerung – geht das?

Wenn Sie bestimmte Umsatzgrenzen nicht überschreiten, können Sie von der umsatzsteuerlichen Kleinunternehmerregelung gebrauch machen. Dann müssen Sie keine Umsatzsteuer ans Finanzamt zahlen, dürfen aber im Gegenzug auch keine Vorsteuer abziehen. Die gute Nachricht: Auch, wenn Sie die Differenzbesteuerung anwenden, können Sie die Kleinunternehmerregelung nutzen.

Allerdings stellt sich hier die Frage, welcher Umsatz zur Prüfung der Höchstgrenze zugrunde gelegt wird: Der Differenzbetrag oder das vereinnahmte Entgelt?

Diese Frage liegt aktuell noch beim Bundesfinanzhof zur Klärung. Das Finanzgericht Köln hat zuvor die Grenze anhand der Höhe des vereinnahmten Entgelts ermittelt.

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