7. April 2016

So entkommen Sie der Zinsfalle

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© Olivier Le Moal/Shutterstock.com
Die Inflation ist auf einem historischen Tiefpunkt angekommen. Wie die Zinsen für Sparanlagen so befindet sich auch die Preissteigerung fürs tägliche Leben bei etwa null Prozent. Kleinanleger und Sparer befinden sich im Dilemma – einige verzichten ganz aufs Sparen und geben ihr Geld lieber aus. Warum das ein Fehler sein könnte und wie Sie trotzdem Ihr Geld sinnvoll anlegen können, erklärt Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Bremen.


verbraucherblick: Warum sollten Verbraucher überhaupt ihr Geld anlegen?

Dr. Annabel Oelmann: Seit den 60er-Jahren hat sich die Lebenszeit nach Ende des Arbeitslebens verdoppelt. Waren es damals zehn Jahre, so dauert der Ruhestand heute im Schnitt 20 Jahre – Tendenz steigend. Alleine auf die gesetzliche Rente können Verbraucher sich nicht mehr so verlassen wie früher. Heute deckt die gesetzliche Rente nur noch rund die Hälfte des letzten Erwerbseinkommens ab. Deshalb ist Altersvorsorge wichtig.

verbraucherblick: Was ist die größte Gefahr durch die aktuell niedrigen Zinsen auf dem Sparbuch, Tagesgeld oder Festgeld?

Dr. Annabel Oelmann: Wer auf dem Sparbuch, Tagesgeld oder Festgeld weniger Zinsen bekommt als die aktuelle Inflationsrate beträgt, der verliert Geld. Ein Beispiel für diesen Kaufkraftverlust: Sie haben 10.000 Euro, die Sie heute zur Seite legen. Damit diese in zehn Jahren den gleichen Wert, also dieselbe Kaufkraft haben, muss die Rendite der Inflationsrate entsprechen. Die Inflation lag 2015 bei 0,3 Prozent. Wenn Sie auf dem Sparbuch also nur 0,1 Prozent Zinsen bekommen, ist das zu wenig. Es kommt zu einem realen Wertverlust. Das ist vielen Sparern, die ihr Geld auf einem Tagesgeldkonto oder Sparbuch mit niedrigen Zinsen liegen haben, nicht bewusst. Deshalb ist es wichtig, dass Sparer Angebote vergleichen und gegebenenfalls wechseln. Klar ist aber auch: Sicherheitsorientierte Sparer haben ein Problem. 100 Prozent Sicherheit bedeutet heute, dass Sie entweder einen realen Verlust erleiden oder zumindest kaum Rendite erzielen. Sparer, die ihre Chance auf Rendite steigern wollen, müssen zwangsweise ein bisschen risikofreudiger werden.

verbraucherblick: Dann droht angesichts dieses Dilemmas eine neue Abzock-Falle. Mit dem Argument, Sparer müssen mehr Risiko eingehen, sind windigen Geschäftemachern doch Tür und Tor geöffnet. Gibt es eine Schwelle, bei der aus dem „mehr Risiko eingehen“ ein Totalverlust droht?

Dr. Annabel Oelmann: Eine wirkliche Schwelle gibt es nicht. Früher konnten Sie davon ausgehen, dass das Risiko eines Totalverlustes ab fünf bis sechs Prozent Rendite enorm steigt. Ich habe Angebote für ein Nachrangdarlehen gesehen, wo gerade einmal mit 2 Prozent Zinsen geworben wurde. Jedes Nachrangdarlehen, egal von welchem Unternehmen es herausgegeben wird, beinhaltet für den Darlehensgeber (Anm., den Geldanleger) immer das Risiko eines Totalverlustes für sein Kapital. Sobald Ihnen eine überdurchschnittliche Rendite versprochen wird – also deutlich über dem Tagesgeld – sollten Sie hellhörig werden und aufpassen.

verbraucherblick: Die Politik suggeriert, fürs Alter vorsorgen zu müssen und damit indirekt, sein Geld in irgendeiner Form anzulegen. Ist es für jeden ratsam, Geld unabhängig von Einkommen und Vermögen anzulegen, wenn doch das Nettovermögen deutscher Haushalte laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) binnen zehn Jahren um 15 Prozent geschrumpft ist?

Dr. Annabel Oelmann: Ratsam oder nicht – es ist leider nicht jedem Verbraucher möglich, für sein Alter vorzusorgen. Ich befürworte Überlegungen zur Sicherstellung einer adäquaten Altersvorsorge auch für einkommensarme Haushalte. Sinnvoll wäre aus meiner Sicht ein Basisprodukt bei Riester. Bei einem Basisprodukt könnte durch den Verzicht auf Abschluss- und Vertriebskosten sowie die geringe Höhe von Verwaltungskosten das angesparte Geld auch tatsächlich der Altersvorsorge zu Gute kommt – ein wichtiger Vorteil gegenüber vielen derzeit am Markt existierenden kostenintensiven Riester-Produkten. Zudem muss sich Sparen im Sinne von Altersvorsorge auch für einkommensärmere Haushalte lohnen, ohne dass die Gefahr der Anrechnung von Altersvorsorgeprodukten auf eine etwaige Grundsicherung im Alter droht. Leider ist das noch nicht Realität.

verbraucherblick: Heißt das, dass der Gesetzgeber mehr gefordert ist? Muss die Politik also der Finanzbranche festere Zügel anlegen?

Dr. Annabel Oelmann: Ja und Ja. Das beste Beispiel ist die Riester-Rente. Sie fällt in die Kategorie „gut gemeint“. Der Ansatz war richtig, die Umsetzung zu lax. Vier Faktoren sind nach unseren Erfahrungen maßgeblich für Verbraucher, keinen Riester-Vertrag abzuschließen: die Komplexität der Regeln, die Gefahr der Anrechnung auf eine Grundsicherung im Alter, Misstrauen gegenüber Anbietern und die unbekannte Produktvielfalt. Ihnen sind viele Produkte nach wie vor zu intransparent und zu teuer. Deshalb meiden viele Menschen trotz staatlicher Förderung die Riester-Rente. Die Finanzindustrie muss stärker über ihre Kosten aufklären und die Kunden müssen stärker danach fragen. Wenn alle Beteiligten Aufwand und Nutzen klar ist, kann hinterher keiner unzufrieden sein. Mit der bisherigen Intransparenz muss auf jeden Fall Schluss sein.

verbraucherblick: Zunehmend wird wieder über die gesetzliche Rente und ihre Stärken diskutiert. Dabei taucht ein neues Modell auf: die Deutschlandrente. Wie soll die funktionieren und warum könnte das eine Alternative für Anlagemuffel sein?

Dr. Annabel Oelmann: Mit der „Deutschlandrente“ ist ein neues und einfaches Musterprodukt für die private Vorsorge im Gespräch. Sie soll die private und betriebliche Altersvorsorge ergänzen. Einer der Eckpunkte dieses Fonds ist zum Beispiel eine Opt-out-Regel. Dies bedeutet, dass jeder Arbeitnehmer diese ergänzende Vorsorge aufbaut, sofern nicht ausdrücklich widersprochen wird. Zudem überweist der Arbeitgeber das Geld direkt vom Gehalt. Verwaltet werden würde die Altersvorsorge von der Deutschen Rentenversicherung zum Selbstkostenpreis. Die Anlage selbst würde zum großen Teil in Aktien erfolgen.

Ein staatliches Basisprodukt mit geringen Kosten finde ich grundsätzlich eine gute Idee. Gerade für „Anlagemuffel“ könnte so eine Möglichkeit geboten werden, ohne viel Aufwand Vorsorge zu betreiben ohne dabei auf teure Produkte reinzufallen. Die „Deutschlandrente“ hat gute Ansätze, aber auch deutliche Schwachpunkte. Dabei besteht noch Diskussionsbedarf.

verbraucherblick: Was sind die häufigsten Anlegerfehler, die Sie und Ihre Kollegen in der Beratung feststellen?

Dr. Annabel Oelmann: Aus unseren Erfahrungen in den Beratungen sind die drei häufigsten Anlagefehler: Dem Berater blind zu vertrauen, die Kosten eines Produktes nicht zu kennen und Geld anzulegen, obwohl noch Schulden offen sind.

verbraucherblick: Was sind für Sparer mit kleinen Beiträgen die Alternativen? Welche Anlageklassen und Finanzprodukte sind empfehlenswert?

Dr. Annabel Oelmann: Für die regelmäßige Anlage von Kleinstbeträgen bieten sich verschiedene Sparpläne an: Banksparpläne, Fonds- und ETF-Sparpläne. Auf die Kosten zu achten, ist immer wichtig. Besonders bei kleinen Beträgen fallen aber fixe Kosten ins Gewicht, die unabhängig vom Anlagebetrag anfallen: Depotgebühren und (Mindest-) Ordergebühren etwa. Wer nur wenig Geld hat, sollte sich auch bei der langfristigen Anlage auf die grundlegenden Anlageklassen Aktien und Anleihen oder Sparbriefe beschränken. Rohstoffe, Gold und andere exotische Anlageprodukte haben keinen Platz.

verbraucherblick: Für viele scheinen derzeit Immobilien eine gute Geldanlage zu sein. Worauf sollten potenzielle Eigentümer achten?

Dr. Annabel Oelmann: Prinzipiell ist Wohneigentum eine sinnvolle Altersvorsorge. Wenn die Immobilienfinanzierung richtig vorbereitet und gut gemacht ist. Diese Entscheidung für Wohneigentum ist neben einer Ehe die wichtigste und vor allem langfristigste im Leben. Wo sonst binden sich die Menschen über 30 oder 40 Jahre? Deswegen sollten sich Verbraucher die Frage nach dem Eigenkapital als erstes stellen. Wir empfehlen mindestens 20 besser 30 Prozent. Die monatliche Rate sollte mit spitzem Stift kalkuliert werden. In Zeiten, in denen mehr Geld zur Verfügung steht, lässt sich dies durch Sondertilgungen in die Finanzierung einrechnen. Die Tilgungsrate sollte bei drei Prozent liegen. Am besten nutzen Sie die aktuelle Niedrigszinsphase, um mit einer langfristigen Zinsbindung Sicherheit in der Planung zu haben. Aber auch dabei gilt: Mehrere Kreditangebote vergleichen, auch wenn das Zeit kostet.

verbraucherblick: Die Stiftung Warentest hat Bankinstituten ein miserables Zeugnis ausgestellt. 20 von 23 Banken sind durchgefallen. Warum ist die Anlageberatung immer noch so schlecht?

Dr. Annabel Oelmann: Wer sich beraten lässt in Geld- und Finanzfragen, sollte sich vor allem seinen Berater oder seine Beraterin genau anschauen. Derzeit erfolgt der ganz überwiegende Teil der Anlageberatung nach dem Provisionsmodell. Die Honorarberatung als Alternative zur provisionsorientierten Bankberatung ist in Deutschland leider immer noch schwach ausgeprägt. Das Provisionsmodell ist so ausgestaltet, dass der Kunde auf den ersten Blick kostenlos von dem Berater oder der Beraterin beraten wird. Tatsächlich erhält die Person oder seine Institution, für die er tätig ist, bei erfolgreichem Verkauf eines Finanzproduktes eine Provision. Dieses System birgt die ganz erhebliche Gefahr, dass dem Kunden nicht ein für diesen geeignete Produktklasse empfohlen wird, sondern etwas verkauft wird, was die meiste Provision bringt. Es ist wichtig, dass Verbrauchern bei der provisionsorientierten Beratung bewusst ist, dass sie nicht in einem Beratungs-, sondern in einem Verkaufsgespräch sitzen. Hier ist es immer wichtig, sich selber zu Informieren und mehrere Angebote zu vergleichen.

verbraucherblick: Woran können Verbraucher eine gute Bankberatung erkennen?

Dr. Annabel Oelmann:Im Fokus des Gesprächs sollten vornehmlich Ihre Ziele und nicht die Produkte stehen. Ein guter Berater berücksichtigt die finanzielle Gesamtsituation und erfragt die Risikobereitschaft im Detail. Sämtliche Kosten sollten am besten nicht erst erfragt, sondern offen kommuniziert und erläutert werden. Wichtig sind Alternativen zur empfohlenen Anlage und eine Aussage, wann das Geld wieder verfügbar ist. Sobald Produkte angeboten werden, die hohe Renditechance besitzen und trotzdem sicher sind, sollte das Gespräch beendet werden. Das gilt auch für Zeitdruck. Sobald dieser aufkommt, sollten die Alarmglocken läuten.

verbraucherblick: Womit können Verbraucher ihr Gespür für Finanzen stärken?

Dr. Annabel Oelmann: Altersvorsorgekonzepte entstehen nicht an einem Tag, sondern sind das Ergebnis einer jahrelangen, sogar jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Thema. Das geht aber nur, wenn sich die Menschen dafür Zeit nehmen und sich mit Finanzen und Altersvorsorge ähnlich intensiv beschäftigen wie mit der Anschaffung von Auto, Fernseher oder Handy. Obwohl diese Konsumgüter im Gegensatz zu Geldanlegen eher mittelfristig das Leben begleiten, informieren sich die meisten darüber im Vorfeld wesentlich ausführlicher als über die eigenen Finanzen. Nur: Ein defekter Toaster fällt sofort auf und kann getauscht werden. Bei Geldanlagen merken die meisten es kaum oder viel zu spät. Mein Tipp: Nehmen Sie sich für Ihre Altersvorsorge solange Zeit, bis sie das empfohlene Produkt wirklich verstanden haben. Ansonsten holen Sie sich eine unabhängige Meinung zum Beispiel bei den Verbraucherzentralen.


Dr. Annabel Oelmann ist Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen. Die 37-jährige promovierte Sozialwissenschaftlerin berät mit ihrem Team von 28 Mitarbeitern Verbraucher auch zum Thema Finanzen und Versicherungen.

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