17. September 2019

Anwalt versus Legal-Tech-Portal – Im Zweifel menschliche Beratung

Klicks am heimischen PC ersetzen einen Anruf oder persönlichen Termin – diese Gleichung hat in vielen Bereichen Einzug gehalten. Das gilt auch für die Rechtsberatung. Online-Portale bieten Verbrauchern an, ihre rechtlichen Ansprüche für Sie durchsetzen. Sie werben mit einfacher Abwicklung und Kostensicherheit, da nur im Erfolgsfall ein Honorar fällig wird. Diese Angebote zählen zu sogenannten Legal Tech, einem Trend, der die Rechtsberatung verändern wird. Legal Tech bedeutet vereinfacht gesagt: Software oder Algorithmen erledigen Aufgaben automatisch, die sonst von Menschen übernommen werden. Darunter fällt beispielsweise Kanzleisoftware für Anwälte. Oder ein Algorithmus, der den Sachverhalt erfasst und ermittelt, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Kläger vor Gericht gewinnt.

Letzteres nutzen einige der genannten Online-Portale. Wurde einem Urlauber etwa der Flug gestrichen, kann er auf dem Portal die Flugdaten eingeben. Dann wird ihm angezeigt, ob ihm eine Entschädigung zusteht. Falls ja, kann er das Portal beauftragen, diese für ihn durchzusetzen.

Legal Tech ersetzt anwaltliche Beratung nicht

Das mag verlockend klingen – und wenn es um kleine Summen geht, können Online-Portale ein guter erster Ansprechpartner sein. Sobald es komplizierter wird, brauchen Ratsuchende aber eine individuelle Beratung von einem Fachmann, der alle Aspekte des Problems erfasst und einschätzen kann. Die Krux: Juristische Laien können oft nicht einschätzen, wie kompliziert ihr Anliegen ist. Oftmals ist unbekannt, welche Ansprüche zusätzlich bestehen. So kann es angenehm sein, nach einer Kündigung eine – unerwartete – Abfindung von ein- oder zweitausend Euro zu bekommen. Vielleicht hätte der Arbeitnehmer aber zusätzlich Anspruch auf Urlaubsabgeltung oder ein gutes Arbeitszeugnis.

Wenn der Urlaubsflug viel später landet als geplant, haben Reisende womöglich nicht nur dafür Anspruch auf Entschädigung. Haben Sie das Kreuzfahrtschiff, die erste Station einer Rundreise oder die erste Übernachtung in der teuren Safari-Lodge verpasst, können Sie sich vielleicht auch die Kosten dafür erstatten lassen. In manchen Fällen ist auch Schadensersatz für entgangene Urlaubsfreuden drin.

Zudem lassen sich Onlineportale ihre juristische Hilfe gut bezahlen. Der Mandant erhält eben nur keine Rechnung. Flugrechtsportale behalten teilweise 30 Prozent als Erfolgshonorar ein. Manche Anbieter im Bereich Mietrecht berechnen ein Mehrfaches der erzielten monatlichen Ersparnis. Wer auf regulärem Weg vor Gericht gewinnt, bekommt hingegen die komplette Entschädigung ausgezahlt und in der Regel die Rechtsanwaltskosten erstattet. Die Gleichung Klicks = Anruf oder Termin muss also um mehrere Faktoren erweitert werden: in erster Linie um die tatsächlichen Kosten der vermeintlich einfachen Lösung.

Swen Walentowski - verbraucherblick - Anwaltsauskunft-Deutscher AnwaltsvereinRechtsanwalt Swen Walentowski ist Redaktionsleiter und Sprecher von anwaltauskunft.de, das Rechtsportal des Deutschen Anwaltvereins. Das Portal richtet sich an Verbraucher und bietet Informationen und Tipps zu rechtlichen Alltagsfragen.

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