15. August 2018

Traumhäuschen werden utopisch

Als Irmin mir die Tür öffnet, weiß ich sofort, dass ich ihn störe, denn er sitzt wie so häufig mit Ausdauer am PC. Aber er hat trotzdem gute Laune und lädt mich ein, sein künftiges Traumhaus online zu besichtigen. Schon nach den ersten Klicks konnte ich mir einen Einwand nicht verkneifen. „Also doch erst Häuschen anschaffen und danach die Familienplanung?“ Aber man muss ja Verständnis haben. Schön und bequem wohnen möchte doch wohl jeder. Und sobald man die erste Wohnung, nämlich die elterliche, verlässt, ist man mit der Suche nach der eigenen Wohnung und bald auch nach einem Häuschen über Jahre hinweg beschäftigt. Und wie das Leben so ist, endlich hat man das eigene Heim bezogen, da werden schon die Kinder flügge und ziehen irgendwo anders hin. Da bleibt ein Trost: Das eigene Haus oder die Eigentumswohnung dienen ja als Altersvorsorge. Und ist es einmal abbezahlt, wächst in den meisten Fällen der Wert von ganz allein.

Davon können Mieter eigentlich nur träumen. Sie zahlen ein Leben lang Miete – und zwar mit steigender Tendenz. Da kommen hübsche Sümmchen zusammen und manch einer fragt sich, ob er nicht doch hätte bauen sollen. Bauen wollen oder bauen können sind zweierlei Dinge, die sogar regionale Besonderheiten aufweisen. Die sogenannte Eigentumsquote bei den Wohnimmobilien ist in Süddeutschland deutlich höher als zum Beispiel im schönen Mecklenburg-Vorpommern. Hier sind etwa 60 Prozent der Einwohner Mieter.

Angesichts der niedrigen Bauzinsen – wie lange eigentlich noch? – und der digitalen Möglichkeiten, nach geeigneten Grundstücken oder Gebrauchtimmobilien zu suchen, sollte der Wunsch nach den eigenen vier Wänden heutzutage schneller in Erfüllung gehen. Und tatsächlich erlebt man Land auf Land ab einen gewissen Boom. Aber geeignete Bauplätze sind weder in der Nähe der City großer Städte zu finden noch an den Ufern schöner Seen oder gar in Nähe des Ostseestrandes. Die erhebliche Nachfrage trifft brutal auf einen Mangel an Bauplätzen, sodass die Preise steigen.

Ich denke, der Immobilienmarkt ist ein Segment, in dem sich die Auswahl selbst durch perfekte digitale Instrumente nicht vergrößern lässt. Suchmaschinen machen den Mangel an Wohnraum nur noch erlebbarer. Ein verkehrtes Spiel, denn hier dominiert das Analoge das Digitale. Und auch Irmin musste einsehen, dass der Happen für ihn zu groß war.

 

Jürgen Fischer - verbraucherblickDr. Jürgen Fischer ist seit August 2014 ist er geschäftsführender Vorstand der Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Rostock. Schwerpunkte des Juristen sind Mietrechte und Energie, speziell das Thema Heizkosten.

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