11. Mai 2016

Wie gut ist unser Leitungswasser?

von
© nikkytok/Shutterstock.com
Rund 70 Prozent der Erde sind mit Wasser bedeckt. Aber davon sind nur etwa drei Prozent trinkbares Süßwasser. Schätzungsweise 800 Millionen Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zu Trinkwasser. Das zeigt, wie wertvoll es ist und dass es über Leben und Tod entscheidet. In Deutschland hat Leitungswasser eine sehr gute Qualität. Dennoch werden immer wieder bedenkliche Stoffe wie Nitrat oder Uran darin gefunden. Und was kaum einer bedenkt: Übertriebenes Sparen verteuert das Leitungswasser.

Deutschland hat eine ausgefeilte Wasserversorgung. Zahlreiche Wasserwerke gewinnen Trinkwasser aus Grundwasser und wiederaufbereitetem Wasser. Das Netz der Leitungen ist groß, die technischen Standards hoch, die Versorgung flächendeckend und gut kontrolliert. Die Trinkwasserverordnung sorgt für einwandfreie Wasserqualität. Sie regelt auch die Grenzwerte für gesundheitsbedenkliche Stoffe wie Uran, Nitrat, Blei oder Mikroorganismen wie Legionellen. In der jüngeren Vergangenheit wurden strengere Grenzwerte eingeführt. Das Umweltbundesamt hat dem deutschen Trinkwasser in seiner aktuellsten Untersuchung Anfang des Jahres 2015 aber die allerbesten Noten erteilt. Es gab so gut wie keine Beanstandungen. Die Grenzwerte seien nur in ganz wenigen Fällen überschritten worden. Über 99 Prozent der Proben hielten die Grenzwerte ein. Alle drei Jahre wird ein ausführlicher Trinkwasserbericht vorgelegt, das schreibt eine EU-Regelung vor.

Schadstoffe im Trinkwasser

Kein Grund zur Sorge also. Das trifft auf die allermeisten Verbraucher zu, es gibt jedoch ein paar Ausnahmen: In Gebieten mit viel Landwirtschaft kann beispielsweise der Nitratgehalt im Grundwasser zu hoch sein. Der stammt meist von der ausgiebigen Düngung der Felder mit nitrathaltiger Gülle. Nitrat kann nicht vollständig von Pflanzen aufgenommen werden, es arbeitet sich durch das Erdreich und schließlich gelangt es ins Grundwasser. Dieses wird zwar für Trinkwasser verwendet, allerdings nicht unkontrolliert. Die Wasserwerke müssen dem Trinkwasser in diesen Regionen genügend Wasser ohne Nitratbelastung beimischen, damit der Konsum für die Menschen unbedenklich ist. Vorgeschrieben ist ein Grenzwert von höchstens 50 Milligramm Nitrat pro Liter. Zu viel Nitrat ist deshalb bedenklich, weil es sich im Körper in Nitrit umwandeln kann. Nitrit kann den Sauerstofftransport im Körper beeinträchtigen und es steht außerdem in Verdacht, Krebs auszulösen. Das Umweltbundesamt gibt an, dass der Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser in Deutschland seit Jahren nicht mehr überschritten wurde.

Auch Uran wird immer mal wieder in Trinkwasser gefunden. Uran kommt in bestimmten Gesteinsschichten vor. Fließt das Wasser hindurch, kann es den Stoff aufnehmen. Der Grenzwert für Uran liegt bei 0,01 Milligramm pro Liter Wasser. Wasserversorger messen regelmäßig ihr Wasser und geben die Werte an, häufig auch im Internet. Auf Nachfrage bekommen Bürger auf jeden Fall Auskunft. Bei Mineralwasser im Handel muss der Uranwert dagegen nicht angeben werden.

Wasserfilter für mehr Sicherheit?

Wem die Qualität des deutschen Leitungswassers nicht genügt, der kann noch mit weiteren Filtern nachhelfen. So sollen sämtliche möglichen Rückstände wie Bakterien, Medikamentenreste oder Schwermetalle herausgefiltert werden. Die Auswahl an Filtern und Methoden ist groß. Am gängigsten sind Filtersysteme mit einem Aktivkohlefilter. Das ist eine Kanne mit Kartusche, die rund 20 Euro kostet. Das Wasser fließt durch den Filter in die Kanne und kann dann konsumiert werden. Dabei werden vor allem Schwebteilchen und Calcium oder Magnesium herausgefiltert. Das Wasser wird weich, beispielsweise für das Teekochen. Schwermetalle oder Pestizide bleiben aber im Wasser.

Es gibt auch aufwendigere Systeme, die direkt in die Wasserleitung eingebaut werden. Solche Anlagen kosten zwischen 800 und mehreren tausend Euro. Ein Modell ist beispielsweise eine Umkehrosmose-Anlage. Diese Anlagen filtern nach Herstellerangaben nahezu alles aus dem Wasser – auch Rückstände von Pestiziden, Medikamenten oder Nitrate. Wassergenießer schwören auf solche Anlagen und das daraus resultierende reine Wasser. Doch solche Filteranlagen müssen gewartet werden und regelmäßig die Filter erneuert werden. Außerdem müssen die Menschen, die in Häusern mit solchen Filtern leben, ihre Mineralstoffzufuhr über die Ernährung regeln. Denn das Wasser ist frei von allen Inhaltsstoffen.

Wer alte oder verschmutzte Rohre im Haus oder bei der Zuleitung zum Haus hat, kann auch einen Filter für grobe Partikel einbauen. Der nimmt die meisten Schwebteilchen aus dem Wasser. Chemische Inhaltsstoffe bleiben aber drin. Seit dem Jahr 2012 ist der Einbau von Partikelfiltern hinter dem Hausanschluss bei Neubauten Pflicht. Hausbesitzer dürfen die Wartung des Filters nicht vergessen. Er muss regelmäßig gespült werden, wenn das Gerät das nicht automatisch macht.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hält den Einsatz von zusätzlichen Wasserfiltern für überflüssig. Gemeint ist nicht der vorgeschriebene Partikelfilter, sondern zusätzliche Filteranlagen. Vom einfachen Tischfilter bis zum eingebauten Spezialfilter haben die Verbraucherschützer einige Kritikpunkte: In den Filtern können sich Bakterien vermehren, wenn beispielsweise höhere Temperaturen herrschten oder der Filter länger nicht gewechselt würde. Und ist ein Filter voll, könne es passieren, dass er die Stoffe, die er zuvor herausgefiltert hat auf einmal in hohem Maße wieder an das Wasser abgebe. Die Verbraucher merken das nicht, denn das Wasser schmeckt nicht anders. Außerdem seien höhere Energiekosten zu beachten, zum Teil auch ein erhöhter Wasserverbrauch – manche Systeme müssen viel Spülen, außerdem fallen Anschaffungskosten und Abfall in Form verbrauchter Filter an.


Legionellen

In Anlagen zur Warmwasserbereitung oder an anderen Stellen, an denen das Wasser lange steht, können sich sogenannte Legionellen bilden. Das sind Mikroorganismen, die eine schlimme Form der Lungenentzündung verursachen können. Das Gefährliche: Die Erreger atmet man beim Duschen über die warme, feuchte Luft ein. In warmem Wasser vermehren sich die Legionellen besonders gut. Wird es aber zu warm, dann sterben sie ab. Ab 60 Grad Celsius (°C ) überleben die Bakterien nicht mehr. Warmwasserspeicher werden also am besten einmal pro Tag auf 70 °C erhitzt, so besteht keine Gefahr mehr. In Mietshäusern sind die Vermieter dazu verpflichtet, die Wasseraufbereitung legionellenfrei zu halten.


Sehr gute Trinkwasserqualität

Am Hygieneinstitut der Universitätsklinik Mainz wird regelmäßig Leitungswasser analysiert. Wolfgang Kohnen erklärt, welche Verunreinigungen ins Wasser gelangen können: „Das können normale Stoffe wie Härtebildner sein, also Calcium, Magnesium, aber auch Uran oder Arsen, das sich im Boden befindet. Auf der anderen Seite gibt es auch Schadstoffe, die direkt vom Menschen eingebracht werden. Beispiele sind chlorierte Kohlenwasserstoffe.“ Der Chemiker weiß, dass die Wasseraufbereitung genügend Maßnahmen hat, die Stoffe wieder aus dem Wasser zu filtern. Er vertraut der Qualität aus dem Wasserhahn. „Wenn im späteren Verlauf, in der Förderung, solche Stoffe hinzukommen, kann der Wasserversorger durch entsprechende Filterung oder Aufbereitung des Wassers diese Stoffe dann wieder entfernen.“

Experte Kohnen hält die Verwendung von Filtersystemen in Deutschland für Geschmacksache: „Aus hygienischer Sicht ist das nicht notwendig, da die Trinkwasserqualität in Deutschland sehr gut ist. Wenn man den Filter aber zu einem ganz speziellen Zweck einsetzt – wie das Beispiel: Ich möchte weicheres Wasser haben, damit die Kochtöpfe nicht verkalken oder der Tee besser schmeckt – dann kann das eine sinnvolle Geldanlage sein.“


Grenzwerte im Überblick: Trinkwasserverordnung seit dem 1. Dezember 2013

Blei: 0,01 Milligramm (mg) pro Liter Wasser sind zulässig. Davor waren noch 0,025 mg erlaubt.

Uran: Der Grenzwert liegt ebenfalls bei 0,01 mg pro Liter Wasser.

Nitrat: 50 mg pro Liter Trinkwasser sind erlaubt.

Cadmium: Das Schwermetall hat den Grenzwert von 0,003 mg in einem Liter Wasser.

Legionellen: Nicht mehr als 100 Legionellen dürfen in 100 Milliliter Trinkwasser gefunden werden.


Bleirohre verboten

Da das Metall leicht formbar und korrosionsbeständig ist, wurden früher gerne Wasserrohre aus Blei in Häusern verbaut. Aber Blei ist ein Schwermetall und schon kleinste Mengen im Trinkwasser können zu Vergiftungen führen. Deshalb werden in Deutschland seit dem Jahr 1973 keine Bleirohre mehr in Häuser eingebaut. Doch was ist mit den vielen Altbauten? Woher sollen die Bewohner wissen, ob bei ihnen eine Gefahr besteht? Die gute Nachricht ist: Die meisten Bleirohre in Deutschland müssten mittlerweile ausgetauscht sein oder die Belastung ist so gering, dass keine Gesundheitsgefahr davon ausgeht.

Wer in einem Altbau wohnt und sich unsicher ist, ob noch Bleirohre im Haus verbaut sind, der kann entweder selbst an Stellen nachschauen, an denen die Rohre offen zu sehen sind. Oder man holt sich Rat von einem Installateur. Blei ist ein recht weiches, biegsames Metall. Man kann es einritzen und es gibt keine Winkelstücke in der Leitung, das Bleirohr wurde einfach zurechtgebogen.


verbrauchertipp: Informieren Sie sich beim zuständigen Gesundheitsamt. Bei der Behörde erfahren Sie, in welchen Wohngebieten Bleirohre vorkommen können. Außerdem kann man beim Gesundheitsamt eine Wasseranalyse durchführen lassen. Die kostet ein paar Euro, bei manchen ist der Service sogar kostenlos.


Werden Bleirohre gefunden, müssen diese vollständig ausgetauscht werden. Ist man Mieter in dem Haus, muss man den Vermieter auffordern, die Rohre zu erneuern. Bis das geschehen ist, können Mieter sogar die Miete kürzen.

Müssen wir Wassersparen?

In Deutschland herrscht kein Wassermangel, 82 Prozent der Wasservorräte bleiben ungenutzt. Man müsste also gar nicht sparen mit dem Wasser. Dennoch liegt Deutschland für ein Industrieland ganz weit vorne beim Wassersparen. Durchschnittlich 121 Liter Trinkwasser wurden 2010 pro Kopf am Tag in Deutschland verbraucht. Das ist nicht viel. Im Jahr 1991 waren es noch über 144 Liter. Das Umweltbundesamt hat in einer Broschüre Informationen zum Wassersparen zusammengestellt.

Mathias Kluge von den Berliner Wasserbetrieben erklärt, warum Wassersparen nicht immer die beste Lösung ist: „Durch den geringeren Wasserverbrauch haben wir auch entsprechend weniger Abwässer in den Kanälen. Die Feststoffe werden nicht mehr ordnungsgemäß transportiert, es kommt zu Ablagerungen, zu Geruchsbelästigungen und zu Problemen im Kanal.“ Die Leitungen müssen aber frei sein, damit das Wasser ungehindert fließen kann. Die Wasserversorger müssen deshalb häufiger mal mit Extraspülungen nachhelfen. Das ist teuer und am Ende zahlt der Verbraucher die Zeche. Die Kosten werden nämlich auf den Wasserpreis aufgeschlagen.

Neben dem niedrigen Verbrauch machen noch andere Dinge den Wasserwerken Ärger. Mathias Kluge wünscht sich von den Wassernutzern: „Bitte keine Medikamente über die Toilette entsorgen. Bitte keine reißfesten Wischtücher oder Ähnliches in die Toilette werfen. Diese bereiten uns enorme Probleme. Letztlich werden durch diese Probleme Kosten verursacht, die auch wieder über den Wasserpreis beim Kunden ankommen.“ Es muss also keiner in Deutschland ein schlechtes Gewissen haben, wenn er es mal laufen lässt. Die Leitungen müssen gespült werden und im Zweifelsfall macht es sonst der Wasserversorger zu hohen Kosten.

Viele Leitungen wurden in den vergangenen Jahrzehnten auf Zuwachs gebaut. Man ging von permanentem Verbrauchsanstieg beispielsweise durch steigende Bevölkerungszahlen aus. Heute sind diese Abwasserrohre einfach zu dick. Künftig kann dem Problem nur eine Wasserwirtschaft entgegenwirken, die sich flexibel auf den Wasserverbrauch einstellen kann, je nachdem wo gerade Ballungzentren und Industriezentren sind. Das kann sich wieder ändern, wie die Vergangenheit an Beispielen wie dem Ruhrgebiet oder einigen ländlichen Regionen zeigt. Natürlich heißt das nicht, dass wir jetzt alle sinnlos Wasser vergeuden sollen. Wie so oft im Leben: Die goldene Mitte ist der richtige Weg.

Cover der aktuellen Ausgabe von Verbraucherblick

Mehr wissen,
besser entscheiden

verbraucherblick ist ein digitales Magazin für alle, die mehr wissen wollen. Lesen Sie monatlich detaillierte und unabhängige Berichte über für Sie relevante Verbraucherthemen.