13. Juni 2016

Mach Dich auf den Acker!

© Arina P Habich/Shutterstock.com
In der Großstadt ist die Sehnsucht nach ein bisschen Natur und Grün häufig besonders groß, denn hier gibt es eher grauen Beton statt grüne Wiesen. In einer Stadtwohnung ohne Balkon und weit entfernt vom Park bleibt meist nur der Schrebergarten für die Flucht ins Grüne. Wer im großen Stil Obst und Gemüse anbauen will, kann sich einen Acker mieten. Der Trend wächst. Eine Alternative, die immer beliebter wird: Urbaner Gartenbau oder Urban Gardening. Dabei wird mitten in der Stadt gesät und geerntet.

Das Stadtleben bietet viele Möglichkeiten – Gärtnern gehört nicht dazu. Für mehr als einen kleinen Tomatenplatz auf dem Balkon reicht es meist nicht. Weit gefehlt! Wer die Augen aufmacht, entdeckt viele ungenutzte Flächen. Anhänger des Urban Gardening nutzen verlassene Hinterhöfe und triste Flachdächer zum Obstanbau. Das macht die Stadt grüner und die Gemeinschaft größer. Denn der urbane Gartenbau zieht immer mehr Menschen an.

Urban Gardening

Die Vorteile vom Feldfruchtanbau unmittelbar in der Stadt liegen auf der Hand: Alles bleibt vor Ort, noch näher und direkter kann lokale Produktion kaum sein. Das Gemüse wächst direkt vor der Tür; das ist praktisch und nachhaltig. Außerdem wird die Stadt vielfältiger und das Mikroklima verbessert. Allerdings ist das nicht überall erlaubt, sondern nur bestimmte Flächen sind zum Gärtnern freigeben. Großstädte sind aber nicht unbedingt der ideale Ort zum Gemüseanbau. Die Pflanzen sind Abgasen ausgesetzt. Die Schadstoffbelastung ist sicher höher als auf weiten Feldern fernab der Rush Hour.

 auf dem Mietacker

Es geht auch anders, im größeren Stil sozusagen: Unternehmen und Landwirte haben den Trend zum eigens geernteten Gemüse ebenfalls erkannt und vermieten Äcker saisonweise an Privatleute. Rund 20 Sorten Gemüse sind sogar bereits vorgepflanzt: Von Buschbohnen über Möhren und Porree bis zu Zucchini und Zwiebeln ist alles von den Profis vorbereitet, sodass der Hobbygärtner auf seiner etwa 40 Quadratmeter großen Parzelle gleich zur Tat schreiten kann. Und nach der ersten Ernte darf er auch fleißig nachsäen und weiter ackern. Manchmal ist das Material sogar bereits im Preis inbegriffen. Je nach Anbieter muss dabei Biosaatgut verwendet werden, das die Öko-Richtlinien der EU erfüllt.

Mietacker eignen sich deshalb vor allem für Gartenneulinge. Außerdem muss niemand eine längere Verpflichtung eingehen, wie etwa im Kleingartenverein. Eine Grundausstattung an Gartengeräten und Gießwasser werden gestellt.

Rein theoretisch fordert die durchschnittliche Parzelle bei normalem Wetter rund zwei bis drei Stunden Aufmerksamkeit pro Woche. Anfänger haben unter Umständen so ihre Startschwierigkeiten, daher ist die persönliche Beratung direkt vor Ort wirklich ein großer Vorteil. „Das sind alles nur kleine Pflänzchen, die aus der Erde kommen. Die sehen alle gleich aus“, erzählt Philipp Flenker, der gemeinsam mit seiner Frau Barabara eine Parzelle bei meine ernte gepachtet hat, um mal ins Gemüsegärtnern reinzuschnuppern. „Und dann haben wir Sachen stehen lassen, die eigentlich Unkraut waren, und Sachen weggehackt, die eigentlich später essbar gewesen wären.“

Wenn es gut läuft, kann der Hobbygärtner bis in den November sein eigenes Gemüse ernten. Ein Teil der Ernte kann übrigens immer verloren gehen. Das liegt in der Natur der Sache, denn weder Wetter noch Schädlinge machen Halt vor dem Mietacker. Das Risiko trägt der Pächter. „Man unterschreibt ja auch einen kleinen Vertrag und da übernehmen die Anbieter natürlich keine Haftung für Ungeziefer, Missernte, Unwetter und all sowas“, erläutert Karen Wahsner, die das Hobbygärtnern im Saisongarten von tegut… testet.

 Vertikal und mit Wasser

Neu ist die Idee des städtischen Gärtnerns nicht. Dachgärten zum Beispiel, wie etwa die in Frankfurt liebevoll Belvederchen genannten begrünten Dachterrassen, existieren seit Jahrhunderten. Auch sie sind genau genommen Teil des Urban Gardening. Im Grunde gibt es das Phänomen seit es Städte gibt, denn früher waren die Möglichkeiten zur Frischhaltung schnell verderblicher Lebensmittel sowie deren rascher Transport deutlich eingeschränkter als heute. Stadtviertel, in denen Obst und Gemüse frisch und nah gezüchtet wurden, waren gang und gäbe. Insbesondere in Krisenzeiten erlebt der städtische Gartenbau immer wieder einen Boom.

Zurzeit eher noch Zukunftsvision ist dagegen die Idee der vertikalen Landwirtschaft. Dabei handelt es sich um ganze Hochhauskomplexe, sogenannte Farmscraper, in denen Landwirtschaft unmittelbar in den Städten betrieben werden soll – sogar bis hin zur Massenproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Idealerweise drehen sich die Gebäude oder einzelne Etagen, damit die Sonneneinstrahlung auf alle Seiten gleichmäßig verteilt wird. Dabei sollen Gewächshaustechniken und Hydrokulturen eingesetzt und natürliche Kreisläufe optimal ausgenutzt werden. Obwohl die meisten für die vertikale Landwirtschaft notwendigen Techniken bereits existieren, sind Farmscraper und Co derzeit eher eine Idee statt tatsächliche Planung. Im großen Stil umgesetzt werden sie noch nicht.

Allerdings gibt es bereits kleinere Projekte, etwa die von der Berliner Firma ECF Farmsystems entwickelte Kombination aus Fischtanks in einem Schiffscontainer und einem Gemüsegewächshaus auf dessen Dach. Bei diesem Aquaponik genannten System ist die Zucht von Fischen in Aquakulturen direkt an den Anbau von Gemüse im darüber liegenden Gewächshaus gekoppelt. Das Wasser mit den Ausscheidungen der Fische wird aufbereitet, dadurch besonders nitratreich, und dann  unmittelbar für die Hydrokultur genutzt, in der die Pflanzen ohne Erde gedeihen. Dadurch ist die Wasserersparnis enorm. Das überschüssige Wasser gelangt wieder zurück in die Fischtanks: ein geschlossener Kreislauf, der wenig Energie von außen benötigt und außerdem ohne herkömmliche Kunstdünger und Medikamente wie Antibiotika auskommt.

Bestenfalls wird der urbane Gemüse- und Obstanbau von heute die gewöhnliche Landwirtschaft ergänzen, keinesfalls ersetzen. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, Obst und Gemüse beim Wachsen zuzusehen und schließlich mit den eigenen Händen etwas zur eigenen Versorgung beizutragen. Auf städtischen Anbauflächen und den Mietäckern vor der Stadt treffen sich Hobbygärtner, neue Freundschaften entstehen.

Weitere Informationen und eine Überblick über verschiedene Anbieter finden Sie in verbraucherblick 06/2016.

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