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Richtsatzsammlung: Branchen-Infos vom Finanzamt

Finanzbehörden nutzen die Erkenntnisse ihrer Steuerprüfer nicht nur, um die Steuereinnahmen in den kontrollierten Betrieben anzupassen: Angaben über die wichtigsten Kennzahlen (zum Beispiel die tatsächlich erzielten Umsätze, Kosten und Gewinne) werden fortlaufend in einer Datenbank gesammelt: Mit deren Hilfe lassen sich Steuererklärungen anderer Unternehmen vergleichbarer Größe und Branchen auf Plausibilität prüfen.

Abweichungen von typischen Branchenwerten führen dann unter Umständen zu Nachfragen oder Außenprüfungen. Bei fehlenden oder unvollständigen Aufzeichnungen können die Finanzämter auf Grundlage ihrer Erfahrungswerte außerdem die steuerpflichtigen Umsätze, Gewinne und Gewerbeerträge schätzen.

Eine Zusammenfassung ausgewählter Betriebsvergleichs-Daten veröffentlicht das Bundesfinanzministerium regelmäßig in Form einer sogenannten Richtsatzsammlung. Die können Sie bei Bedarf nutzen, um Ihre eigenen Kennzahlen den Finanzamts-Vergleichswerten gegenüberzustellen. In der amtlichen Datensammlung finden sich Kennzahlen aus rund 70 Branchen, darunter Handels-, Handwerks- und gewerbliche Mischbetriebe.

Beispiel: Für Fahrrad-Einzelhändler mit einem Umsatz von bis zu 300.000 Euro haben Betriebsprüfer zuletzt Rohgewinnaufschläge zwischen 39% und 122% ermittelt. Der durchschnittliche Rohgewinnaufschlag lag demnach bei 67%:

Richtsätze für Fahrradhändler

Das bedeutet: Wenn ein Fahrradhändler für 100.000 Euro Fahrräder, Zubehör und sonstiges Material eingekauft hat, geht das Finanzamt von einem Rohgewinn von durchschnittlich rund 67.000 Euro aus. Unterm Strich wäre demnach ein Reingewinn zwischen 8.000 Euro und 25.000 Euro zu erwarten.

Bitte beachten Sie: Daten von Freiberuflern und anderen nicht-gewerblichen Selbstständigen enthält die staatliche Richtsatzsammlung dagegen nicht: Deren wirtschaftlichen Verhältnisse weichen nach Auffassung der Finanzbehörden zu stark voneinander ab.

Fragwürdige Datenbasis

Bei der Interpretation der veröffentlichten Zahlen ist aber auch sonst Vorsicht geboten:

  • Die aktuellen Richtsätze beruhen auf den Ergebnissen der Steuerprüfungen des Jahres 2017. Da in 2017 schwerpunktmäßig die Geschäftsjahre 2013 bis 2015 geprüft wurden, sind die Kennzahlen also rund fünf Jahre alt.

Die Datensammlung enthält keine Branchen-Durchschnittswerte. Schon allein deshalb, weil nur die Zahlen geprüfter Unternehmen in die Sammlung aufgenommen werden. Mehr noch: Das Bundesfinanzministeriums räumt selbst ein, dass die Richtsätze „auf der Grundlage von Betriebsergebnissen zahlreicher geprüfter Unternehmen ermittelt worden“. Sie „stellen auf die Verhältnisse eines Normalbetriebs ab“.

Die Kriterien, durch die ein Unternehmen zum „Normalbetrieb“ wird, legen die Finanzbehörden nicht offen. Nach Auffassung von Kritikern wie dem Wiesbadener Rechtsanwalt Jörg Burkhard handelt es sich bei der Richtsatzsammlung daher um eine intransparente Mogelpackung, die auf vorselektierten und manipulierten Daten beruht. Für die Schätzung von Umsätzen und Gewinnen sind die Richtsatzsammlungen aus seiner Sicht daher völlig ungeeignet.

Abweichungen von den Richtsätzen

Wenn Ihre eigenen Kennzahlen von den Richtsätzen abweichen, ist das also kein Wunder oder gar Beinbruch. Sie sollten jedoch auf Nachfragen vorbereitet sein und die besondere Situation des betreffenden Wirtschaftsjahres erklären können: Gerade bei Selbstständigen und Einzelunternehmen kommt es leicht zu gravierenden Abweichungen von den amtlichen Werten. Ausnahmesituationen wie …

  • Auftragsflauten, Krankheit, Personalengpässe, Maschinen- und Anlagenschäden und Lieferengpässe – oder umgekehrt
  • unverhoffte Zusatzaufträge, Großeinkaufs-Schnäppchen und Zufallsgewinne

… machen sich in kleinen Betrieben unterm Strich schnell bemerkbar.

Praxistipps:

    • Neben den eigentlichen Kennzahlen enthält die Richtsatzsammlung Informationen über den Aufbau der Richtsätze sowie Erläuterungen über die zugrundeliegenden Berechnungs- und Bereinigungsmethoden.
    • Differenzierte Rohgewinn-Analysen sowie viele weitere Kennzahlen Ihres eigenen Betriebs finden Sie im MeinBüro-Arbeitsbereich „Auswertungen“:

MeinBüro Auswertungen

  • Falls Ihnen der Zusammenhang zwischen Ihren eigenen betrieblichen Daten und den Richtsätzen nicht klar ist, sprechen Sie am besten mit Ihrem Steuerberater.

Und gleich noch ein Tipp hinterher: Anhand der Richtsätze können Lebensmittel-Einzelhändler und Gastronomen ihren steuerpflichtigen privaten Warenkonsum monatlich pauschal buchen. Auf diese Weise ersparen sie sich das aufwendige Aufzeichnen einzelner Entnahmen. Die nach Gewerbezweigen unterteilten „Pauschbeträge für unentgeltliche Wertabgaben“ und die dazugehörigen Erläuterungen finden sich auf der letzten Seite der aktuellen Richtsatzsammlung:

Pauschbeträge für unentgeltliche Wertabgaben

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