Berliner Testament

Was gibt es zu beachten?


Es ist eine unangenehme, aber sehr wichtige Frage: Was passiert nach dem Tod mit dem eigenen Nachlass? Wie ist sichergestellt, dass hinterbliebene Ehepartner und Nachkommen finanziell abgesichert sind? Leben Sie mit Ihrem Ehepartner zusammen, möchten Sie sicher auch gemeinschaftlich über Ihren Nachlass entscheiden. Deshalb entscheiden sich viele für das Berliner Testament. Was beinhaltet es? Und ist diese Testamentsform wirklich vorteilhaft? Die wichtigsten Fragen rund ums Berliner Testament beantworten wir Ihnen hier.

Was ist das Berliner Testament?

Das Berliner Testament ist ein gemeinschaftliches Testament mit Ihrem Ehepartner. In diesem Testament bestimmen Sie, dass nach dem Tod des zuerst verstorbenen Ehepartners der Nachlass zunächst auf den hinterbliebenen Ehepartner übergeht. Erst mit dessen Tod kommen dann die Kinder oder andere Angehörige als Erben ins Spiel.

Wo ist der Unterschied zum Erbvertrag?

Das Berliner Testament ist allerdings nicht die einzige Möglichkeit, den letzten Willen gemeinsam mit Ihrem Ehepartner festzuhalten. Auch mit einem Erbvertrag lässt sich der gemeinsame Nachlass bestimmen. Allerdings gibt es einige Unterschiede zu beachten:

Gemeinschaftliches Testament

Sie sind verheiratet oder in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft? Dann kommt das Berliner Testament grundsätzlich für Sie in Frage. Es stellt eine spezielle Form des gemeinschaftlichen Testaments dar. Gemeinschaftliche Testamente können nur von Ehepartnern oder eingetragenen Lebenspartnern erstellt werden. Für nicht verheirateten Paare kommt das also nicht in Betracht.

Erbvertrag

Ein Erbvertrag hingegen ist auch möglich, wenn Sie nicht mit der Person verpartnert oder verheiratet sind, mit der Sie das Testament zusammen aufsetzen möchten. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei allerdings um einen Vertrag und nicht um ein Testament im klassischen Sinne. Das bedeutet: grundsätzlich wird diese Vereinbarung nach den Regeln zivilrechtlicher Verträge behandelt. Deshalb kann ein Erbvertrag in der Regel nur durch eine gemeinsame Erklärung wieder aufgehoben werden. Ein Widerruf des Erbvertrags durch nur einen Ehepartner ist also nicht möglich. Allerdings können Sie den Erbvertrag – wie alle Verträge – unter bestimmten Voraussetzungen anfechten oder von ihm zurücktreten.

Wenn ein einseitiger Widerruf nicht möglich ist, können Sie stattdessen einfach ein anderslautendes Testament aufsetzen? Das kann im Zweifel unwirksam sein. Und zwar dann, wenn der Testamentsinhalt für den im Erbvertrag begünstigten Ehepartner nachteilig auswirkt. Möchten Sie also hinsichtlich der Erbeinsetzung flexibel bleiben, empfiehlt es sich, von vornherein ein Testament statt Erbvertrag aufzusetzen.

Für die Erstellung eines Erbvertrags müssen Sie immer einen Notar mit ins Boot holen, der den Vertrag im Anschluss auch verwahrt. Alternativ ist auch eine amtliche Verwahrung möglich.

Berliner Testament: Erst der Partner, dann die Kinder

Kurz gesagt: Beim Berliner Testament handelt es sich um ein gemeinschaftliches Testament, bei dem sich die Ehepartner gegenseitig als Erben einsetzen. Das bedeutet für die anderen Erbberechtigten (z. B. gemeinsame Kinder), dass diese zunächst enterbt sind. Das bedeutet aber nicht, dass sie grundsätzlich leer ausgehen. Sie werden allerdings erst mit dem Tod des zuletzt sterbenden Ehepartners in der Erbfolge berücksichtigt. In der Rechtssprache werden sie deshalb als Schlusserben bezeichnet.

Vorteil: Keine Erbauseinandersetzung

Den wesentlichen Vorteil beim Berliner Testament hat der überlebende Ehepartner. Denn durch die Bestimmung, dass der gesamte Nachlass auf ihn übergeht, erfolgt keine Erbauseinandersetzung. So vermeiden Sie zum einen Streitigkeiten unter den Erbberechtigten. Zum anderen wird dadurch die Existenzgrundlage des Hinterbliebenen gesichert. Beispielsweise wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Partner in einem Eigenheim leben. Dieses gehört zur Erbmasse und müsste bei der Erbauseinandersetzung auf die Erben verteilt werden. Durch das Berliner Testament verbleibt das Haus oder die Wohnung zunächst beim überlebenden Ehegatten.

Voll- oder Vorerbe?

Die Erbfolge im Berliner Testament ist klar: Zuerst erbt der überlebende Ehepartner, dann die Kinder. Für diese Erbfolge haben Sie allerdings zwei Optionen. Zum einen können Sie den überlebenden Ehepartner als Vollerben bestimmen. Das bedeutet: Er erhält zunächst Ihr gesamtes Vermögen zur freien Verfügung. Mit seinem Tod geht dann das verbleibende Vermögen an die Schlusserben. Man spricht hier auch vom Einheitsprinzip.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass der überlebende Ehepartner den Teil, der später an die Schlusserben gehen soll, nur zur Verwahrung erhält. Er wird sozusagen Vorerbe für die Kinder. Das bedeutet aber auch, dass er über den Teil des Vermögens nicht frei verfügen kann. Erst mit dessen Tod geht das Vorerbe des zuerst verstorbenen Ehepartners an die Kinder über. Dieses Vorgehen nennt man auch Trennungsprinzip.

Berliner Testament Infografik

Wie wird das Berliner Testament aufgesetzt?

Sie möchten mit Ihrem Ehepartner zusammen das Berliner Testament aufsetzen? Dann müssen Sie dafür nicht zwangsläufig einen Notar hinzuziehen. Sie können es auch eigenständig erstellen. Wichtig ist, dass Sie es handschriftlich aufsetzen und die Seiten nummerieren. Es ist ausreichend, wenn einer von Ihnen das Testament schreibt und der andere Partner lediglich unterschreibt. Ort und Datum der Unterschrift sollten Sie dabei angeben. Wichtig ist, dass Sie im Testament ausdrücklich die Erbfolge bestimmen. So können Sie beispielweise folgenden Satz einbringen:

„Wir setzen uns gegenseitig als Alleinerben ein. Nachdem wir beide verstorben sind, sollen unsere Kinder zu gleichen Teilen erben.“

Rechtssicherheit mit dem Notar

Damit Sie allerdings auf der sicheren Seite sind und auch wirklich nichts schief gehen kann, empfehlen wir Ihnen trotzdem, einen Notar zu beauftragen. Dieser setzt Ihr gemeinschaftliches Testament auf und lässt es amtlich verwahren. Man nennt das auch „öffentliches Testament“.

Wieviel kostet das Berliner Testament beim Notar?

Wieviel Sie für das Aufsetzen eines Berliner Testament zahlen müssen, richtet sich nach dem Wert Ihres voraussichtlichen Vermögens. Bei der Festlegung der Kosten muss sich der Notar an das Gerichts- und Notarkostengesetzt halten.

Beispiel
Für einen Nachlass im Wert von 20.000 Euro fallen 230 Euro an.*

Zudem müssen Sie Gebühren für die Hinterlegung des Testaments beim Amtsgericht zahlen.

Können Sie das Berliner Testament widerrufen?

Sofern beide Ehepartner noch leben: ja. Das Berliner Testament kann jeder jederzeit widerrufen. Haben Sie das Berliner Testament mit der Unterstützung eines Notars aufsetzen lassen, muss der Widerruf allerdings ebenfalls notariell erfolgen. Der Widerruf muss gegenüber dem anderen Ehepartner erklärt werden. Sobald einer von Ihnen das Berliner Testaments widerruft, wird das gesamte Testament unwirksam.

Ist einer der Ehepartner bereits verstorben, kann der überlebende Partner das Testament nicht mehr widerrufen.

Sie können allerdings bereits im Testament eine Klausel festhalten. Diese besagt dann, dass der überlebende Ehegatte seine Verfügungen widerrufen oder auch ändern kann. Das nennt man auch Freistellungsklausel.

Was gibt es zu beachten?

Soweit die Theorie. Doch leider kommen im Leben Dinge oft anders, als man denkt – oder sich wünscht. Deshalb ist es auch beim Berliner Testament wichtig, mögliche ungeplante Szenarien zu bedenken.

Was passiert, wenn ein Kind seinen Pflichtteil fordert?

Mit dem Berliner Testament setzen Sie sich als Ehepartner gegenseitig zu Alleinerben ein. Das bedeutet für die Kinder, dass sie zunächst enterbt sind. Trotzdem haben sie das Recht, ihren (halben) Pflichtteil zu fordern. In Ihrem Interesse sollte es hingegen sein, dass Ihre Kinder auf diesen Pflichtteil verzichten. Denn dieser muss der überlebende Ehegatte aus dem erhaltenen Erbe bezahlen. Das kann für ihn finanzielle Schwierigkeiten bedeuten.

Um zu vermeiden, dass die Kinder ihren Pflichtteil bereits bei Tod des zuerst sterbenden Ehepartners fordern, können Sie im Berliner Testament bestimmte Formulierungen verwenden. Man nennt eine solche Formulierung auch Pflichtteilsstrafklauseln.

Pflichtteilsstrafklausel

Die Pflichtteilsstrafklausel soll erbberechtigte Kinder davon abhalten, bereits beim Tod des erststerbenden Ehepartners ihren Pflichtteil zu fordern. Damit soll dieser wirtschaftlich geschützt werden. Inhalt dieser Klausel ist:

“Fordert ein Kind bei Tod des erststerbenden Ehepartners bereits seinen Pflichtteil, so erhält es auch beim Tod des überlebenden Ehegatten nur den Pflichtteil.”

Die Klausel ist allerdings nur dann wirklich zielführend, wenn das Erbe, welches das Kind als Schlusserbe erhalten würde, tatsächlich höher ist als sein Pflichtteilsanspruch. Nachteilig kann es nämlich dadurch sein, dass das fordernde Kind im Grunde doppelt am Erbe profitiert.

Zunächst erhält es nämlich den Pflichtteil auf das Erbe des zuerst sterbenden Ehepartners. Dessen Erbe wird allerdings im zweiten Schritt zum Vermögen des noch lebenden Ehepartners. Behält der hinterbliebene Ehegatte das Erbe des verstorbenen Partners, kann es also später zu seinem eigenen Nachlass werden. Mit dem Tod des zweiten Ehepartners kann es passieren, dass für dasselbe Erbe nochmals der Pflichtteil ausbezahlt wird. Damit kann der Pflichtteil insgesamt sogar höher ausfallen als der gesetzliche Erbteil.

Beispiel
Die Eheleute EM und EF haben sich gegenseitig zu Alleinerben eingesetzt (Berliner Testament). Ihre zwei Kinder K1 und K2 sind folglich die Schlusserben. In ihrem Testament haben EM und EF eine Pflichtteilsstrafklausel formuliert. EF verstirbt zuerst und hinterlässt ein Vermögen von 400.000 Euro. Nach dem Tod von EF fordert K1 den Pflichtteil. Diesen zahlt EM sofort aus.

Ein paar Monate später verstirbt auch EM. Bei seinem Tod hat EM neben dem Nachlass der EF kein eigenes Vermögen mehr. Vom Nachlass der EF sind (inkl. Pflichtteilauszahlung K1) noch 150.000 Euro übrig.
Berechnung Pflichtteilanspruch K1 nach Tod von EF:
Der gesetzliche Erbteil von K1 beträgt ¼, wovon K1 als Pflichtteil die Hälfte – also 1/8 – erhält.
1/8 von 400.000 Euro = 50.000 Euro
Die andere Hälfte des Pflichtteils fällt mit dem Tod des EM an.
Berechnung Pflichtteilsanspruch K1 nach Tod von EM:
Der gesetzliche Erbteil von K1 beträgt nun ½, wovon K1 als Pflichtteil die Hälfte – also ¼ – erhält.
¼ von 150.000 Euro = 37.500 Euro
Insgesamt erhält K1 durch die Pflichtteilsansprüche also 87.500 Euro (50.000 Euro Pflichtteil EF + 35.000 Euro Pflichtteil EM).
K2 hingegen erhält seinen gesetzlichen Erbteil – also ½ vom Nachlass des EM.
½ von 150.000 Euro = 75.000 Euro

In diesem Szenario bewirkt die Pflichtteilstrafklausel also entgegen der Absicht der Erblasser, dass das Kind, das den Pflichtteil fordert, besser gestellt ist, als mit dem gesetzlichen Erbteil.

Jastrowsche Klausel

Eine stärkere Variante der Pflichtteilsstrafklausel ist die Jastrowsche Klausel. Mit dieser Formulierung erreichen Sie, dass sich der Pflichtteilsanspruch eines Kindes verringert, sollte es diesen bereits bei Tod des erststerbenden Ehepartners fordern.

Das pflichtteil-fordernde Kind und seine Nachfahren werden mit der Jastrowschen Klausel von der Erbfolge des länger lebenden Ehegattens ausgeschlossen. Für den Fall, dass Sie mehrere Kinder haben, die ihren Pflichtteil nicht gefordert haben, wird ein weiterer Teil eingebaut: Die anderen erbberechtigten Kinder erhalten im Erbfall nicht ihren Pflichtteil, sondern ein Vermächtnis in der Höhe des gesetzlichen Erbteils.

Was ist ein Vermächtnis?
Mit einem Vermächtnis im erbrechtlichen Sinne kann eine Person begünstigt werden, die nicht Erbe sein soll. Das Vermächtnis stellt für den Erben eine Verbindlichkeit dar. Von der Erbmasse, die an die Erben geht, wird diese Verbindlichkeit abgezogen. Damit verringert sich auch die Berechnungsgrundlage für den Pflichtteilsanspruch.

Mit der Jastrowschen Klausel passiert also in dem Moment, in dem ein Kind beim Tod des erststerbenden Ehepartners seinen Pflichtteil fordert, folgendes:

  • Das fordernde Kind und seine Nachfahren werden aus der Erbfolge des länger lebenden Ehepartners ausgeschlossen
  • Der gesetzliche Erbteil der Kinder, die ihren Pflichtteil nicht fordern, verwandelt sich in ein Vermächtnis in gleicher Höhe, welches mit Tod des zuletzt sterbenden Ehepartners ausbezahlt wird
  • Das Vermächtnis reduziert die Erbmasse
  • Der Pflichtteilsanspruch des fordernden Kindes verringert sich

Was passiert bei einer Scheidung?

Ein gemeinschaftliches Testament wie das Berliner Testament können Sie nur zusammen mit Ihrem Ehepartner oder eingetragenen Lebenspartner erstellen. Was passiert jedoch mit dem Testament, wenn Sie sich scheiden lassen? Immerhin verschwindet so die Voraussetzung für das Berliner Testament.

Testament vernichten

Das Berliner Testament verliert im Scheidungsfall grundsätzlich seine Wirksamkeit. Bewahren Sie das Testament bei sich zu Hause auf, sollten Sie es trotzdem aus der Welt schaffen. Falls das Testament amtlich verwahrt wird, können Sie es vom Amtsgericht zurückfordern und danach vernichten.

Im Vorfeld handeln

Sind im Berliner Testament auch Kinder in der Erbfolge berücksichtigt, kann im Zweifel unklar sein, ob das Testament nach der Scheidung wirklich nicht mehr gültig sein soll. Deshalb gilt es, bereits im Vorfeld Klarheit zu schaffen – auch wenn Sie bei der Erstellung des Testaments nicht an eine Scheidung denken möchten.

So können Sie beispielsweise schon ins Testament die Formulierung mit aufnehmen, dass es im Scheidungsfall nicht mehr gültig sein soll. Damit gehen Sie erst gar kein Risiko ein, dass der Ex-Partner versucht, trotz Unwirksamkeit Ansprüche geltend zu machen.

Was passiert bei Wiederverheiratung des überlebenden Partners?

Wenn Sie mit Ihrem Partner gemeinsame Kinder haben, möchten Sie sicherstellen, dass diese auch an Ihrem vererbten Vermögen beteiligt werden. Heiratet der überlebende Partner nach dem Tod des zuerst sterbenden Partners neu, kann es sein, dass es auch in dieser Ehe erbberechtigte Kinder gibt. Mit dessen Tod kommen als Schlusserben also nicht nur die Kinder der ersten Ehe, sondern auch die Kinder der zweiten Ehe und der neue Ehepartner ins Spiel. Das ist nicht immer gewollt. Deshalb können Sie im Berliner Testament die Wiederverheiratungsklausel einbauen.

Wiederverheiratungsklausel

Es gibt viele mögliche Formulierungen für eine Wiederverheiratungsklausel. Eine Möglichkeit ist, im Berliner Testament festzuhalten, dass der Nachlass bereits bei erneuter Heirat des überlebenden Ehegattens an die Kinder als Schlusserben übergehen soll.

Anfechtung des Berliner Testaments

Nicht immer wird der Fall der Wiederverheiratung bereits im Testament bedacht. Deshalb hat der überlebende Ehegatte die Möglichkeit, das gemeinschaftliche Testament anzufechten. Das geht innerhalb eines Jahres nach seiner erneuten Heirat. Zur Folge hat die Anfechtung, dass ab dem Tod des zuerst verstorbenen Ehegattens die gesetzliche Erbfolge anstelle des Berliner Testaments tritt.

Berliner Testament und die Erbschaftsteuer

Bei der Frage nach der Testamentsgestaltung spielt nicht immer nur die Erbfolge eine wichtige Rolle. Vor allem bei größeren Vermögenswerten gewinnt die steuerliche Beurteilung und eventuelle Gestaltungsmöglichkeiten an Bedeutung. Das Wichtigste zum Thema Erbschaft- und Schenkungsteuer lesen Sie in unserem Beitrag: Erbschaftsteuer.

Wer muss was versteuern?

Kurz gesagt: Nur der, der tatsächlich das Erbe bekommt, muss es auch versteuern. Geht das Erbe zunächst vollumfänglich an den überlebenden Ehegatten, so muss dieser Steuern auf das Erbe zahlen. Die Kinder müssen zu diesem Zeitpunkt keine Steuer zahlen – denn sie haben noch nicht geerbt. Für sie fällt die Steuer erst mit dem Erbe des letztsterbenden Erblassers an.

Steuerklasse der Schlusserben

Die Steuerklasse bei der Erbschaftsteuer richtet sich nach dem verwandtschaftlichen Verhältnis, in dem Erblasser und Erben zueinanderstehen. Von der Steuerklasse hängen der persönliche Freibetrag sowie der Steuersatz ab, der für das erhaltene Erbe gilt.

SteuerklasseVerwandtschaftsgradFreibetrag
IEhegatten, Lebenspartner

Kinder, Enkelkinder (deren Eltern verstorben sind), Stief- und Adoptivkinder

Enkelkinder

(Groß)Eltern, Urenkelkinder
500.000 Euro

400.000 Euro

200.000 Euro

100.000 Euro
IIGeschwister, Nichten und Neffen, Stiefeltern, Schwiegerkinder20.000 Euro
IIINicht verwandte Personen20.000 Euro
Wert des steuerpflichtigen Vermögens Steuersatz in der Steuerklasse I (%)Steuersatz in der Steuerklasse II (%)Steuersatz in der Steuerklasse III (%)
75.000 Euro71530
300.000 Euro112030
600.000 Euro152530
6.000.000 Euro193030
13.000.000 Euro233550
26.000.000 Euro274050
> 26.000.000 Euro304350

Beim Berliner Testament erben die Kinder als Schlusserben immer vom zuletzt verstorbenen Ehegatten. Das heißt: der persönliche Freibetrag richtet sich nach dem Verwandtschaftsverhältnis zu dieser Person. Sind die Kinder als Schlusserben eingesetzt, gilt für jedes Kind ein Freibetrag von 400.000 Euro. Nachteilig könnte es sich aber auswirken, wenn keine Kinder als Schlusserben eingesetzt sind, sondern z. B. Geschwister.

Für diese Fälle, in denen die Erblasser zu den Erben nicht im gleichen Verwandtschaftsverhältnis stehen, sieht das Erbschaftsteuergesetz eine Begünstigung vor. Unter bestimmten Voraussetzungen kann dann für die Steuerklasse das Verhältnis zum zuerst verstorbenen Ehepartner zugrunde gelegt werden.

Steuerliche Nachteile

Die Vorteile  des Berliner Testaments haben wir bereits herausgestellt. Allerdings gibt es auch Nachteile, die vor allem aus steuerlicher Sicht bei großen Vermögenswerten ins Gewicht fallen.

Um diese näher zu erläutern, vergleichen wir zwei Fälle eines Ehepaars mit zwei Kindern in stark vereinfachter Form.

Kein Berliner Testament

Ohne Berliner Testament erben die Kinder jeweils mit dem Tod eines Ehepartners. Dabei kommt in jedem Erbfall der persönliche Freibetrag der Erben im Verhältnis zum Erblasser zum Tragen. Der Freibetrag für das Erbe an die eignen Kinder beträgt 400.000 Euro pro Kind.

Das bedeutet: Sowohl im ersten als auch im zweiten Erbfall mindert dieser Freibetrag das steuerpflichtige Erbe. Dadurch bleiben pro Kind 800.000 Euro (400.000 Euro pro Erbfall)  von der Steuer befreit.

Mit Berliner Testament

Mit dem Berliner Testament geht zunächst das gesamte Erbe an den überlebenden Ehegatten. Die Kinder sind für dieses Erbe enterbt. Das heißt: Auch der Freibetrag entfällt. Mit dem Tod des überlebenden Ehegattens fällt dann das gesamte Erbe an. Für diesen Erbfall kommt der persönliche Freibetrag zum Tragen. Für das Erbe an die Kinder kann bei jedem Kind nur ein Freibetrag von 400.000 Euro abgezogen werden. Damit fällt im Vergleich zum Fall ohne Testament auf das Erbe wesentlich mehr Steuer an.

Gestaltung: Freibetragsvermächtnis

Es gibt einige Möglichkeiten, die steuerlichen Nachteile des Berliner Testaments abzumildern. Eine dieser Gestaltungsoptionen bietet das Berliner Testament mit Freibetragsvermächtnis. Ziel diese Gestaltung ist es, dass Ihre Kinder als Erben ihr volles Freibetragspotenzial ausschöpfen können. Dafür setzen Sie bereits beim ersten Erbfall ein Vermächtnis aus, das der überlebende Ehepartner gewährt. Das Vermächtnis haben sie bereits bei der Jastrowschen Klausel kennengelernt.

Damit das Vermächtnis beim überlebenden Ehepartner nicht sofort finanziell zu Buche schlägt, kann es auch mit einem späteren Fälligkeitstermin (z. B. 5 Jahre nach dem Erbfall) ausbezahlt werden.

Wird das Vermächtnis um mehr als 1 Jahr nach dem Erbfall hinausgeschoben oder in Raten gezahlt, muss eine Abzinsung erfolgen. Als steuerpflichtiges Erbe gilt also der abgezinste Betrag des Vermächtnisses. Umgekehrt ist eine per Testament angeordnete Verzinsung des Vermächtnisses beim Erben als Kapitalertrag steuerpflichtig (BFH VIII R 40/13).

Der überlebende Ehepartner kann bei der Erbschaftsteuer das Vermächtnis als Nachlassverbindlichkeit von der Erbmasse abziehen. Damit verringert sich seine Steuerbelastung. Gleichzeitig können die Kindern (Vermächtnisempfänger) für das erhaltene Vermächtnis den Freibetrag im Verhältnis zum erststerbenden Ehepartner voll ausnutzen.

Steuererklärung Banner Berliner Testament
*Stand 2020

Steuerberatung?

Einzelfragen zu Ihrer Steuererklärung darf leider nur ein Steuerberater beantworten. Wir freuen uns jedoch über Lob und Kritik und nehmen Ihre Anregungen gerne für zukünftige Beiträge auf.
Übrigens: In unserer Steuer-Software finden Sie eine ausführliche Hilfe und Tipps zu allen Themen rund um Ihre Steuererklärung.

  1. 1
    Guenther

    Beim Freibetragsvermächtnis im Berliner Testament bestimmt der überlebende Ehepartner das Vermächtnis z.B. an das Kind. Was ist in diesem Fall aber, wenn der überlebende Ehepartner keine Chance mehr hat, das Vermächtnis festzulegen? Z.B. wenn bei einem Verkehrsunfall der eine Ehepartner im Fahrzeug und der andere Ehepartner einen Tag später im Krankenhaus verstirbt? Gilt dann für das Kind wieder als Schlusserbe, dass er nur einmal 400.000 EUR Freibetrag hat?

    • 2
      Jochen Breunig

      Guten Tag Guenther,

      leider darf ich Sie aus rechtlichen Gründen steuerlich nicht beraten. Weitere Informationen zu den Steuerklassen und -freibeträgen sowie zur steuerlichen Beratung finden Sie in den Informationen und Erläuterungen zum Erbrecht des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz unter „Müssen Sie Erbschaftsteuer zahlen?“.

      Vielen Dank und Grüße
      Jochen Breunig
      Tax Specialist bei steuernsparen

  2. 3
    Sonja

    Ein Ehepaar hat keine Kinder. Ein Testament gibt es auch nicht. Sollte ein Ehepartner sterben, erben die Geschwister des Verstorbenen auch einen Teil des Vermögens?

    • 4
      Carina Hagemann

      Guten Tag,
      gibt es kein Testament oder Erbvertrag, so tritt die gesetzliche Erbfolge ein. Das gesetz sieht folgende Rangfolge vor (jeweils aus Sicht des Verstorbenen):
      Erben 1. Ordnung: Kinder und Enkelkinder
      Erben 2. Ordnung: (geschiedene) Eltern, Geschwister, Nichten bzw. Neffen
      Erben 3. Ordnung: Großeltern, Onkel bzw. Tanten, Cousins bzw. Cousinen

      Das bedeutet: Sind keine Erben 1. Ordnung vorhanden, so geht das Erbe an die Erben 2. Ordnung usw.

      Viele Grüße,
      Carina Hagemann von steuernsparen

  3. 5
    Tobias Müller

    Meine Großeltern schreiben auch gerade ihr Testament. Meine Oma möchte auch ein Berliner Testament einrichten, als Absicherung nachdem einer der beiden verstirbt. Es ist schon interessant, dass das Berliner Testament das meist verbreitete Testament in Deutschland ist.

  4. 6
    Uwe

    Meine Großeltern planen derzeit die Zeit nach ihrem Ableben. Darunter gehört eben die Errichtung eines Testaments. Wir waren der Meinung, dass die Zinserträge des Vermächtnisses steuerfrei seien. Doch Dank Ihres Artikels sind wir nun schlauer, dass dem nicht so ist.

  5. 7
    Maria

    5% ZInsen für Geldeinlagen ist für Otto N. in heutiger Zeit ein utopischer Betrag. Es ist tatsächlich kein Geld geflossen, der Zinsertrag auch nicht erwirtschaftet worden. Wieso soll dieses fiktive Einkommen verteuert werden?

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