Progressionsvorbehalt

Das müssen Sie bei steuerfreien Ersatzleistungen beachten


Was haben Kurzarbeit, Elterngeld und Krankengeld gemeinsam? Genau: Es sind steuerfreie Ersatzleistungen — und unterliegen dem Progressionsvorbehalt. Doch was genau das ist und was Sie in diesem Fall bei Ihrer Steuererklärung beachten müssen, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Entgeltersatzleistungen

Wenn Sie mal nicht Ihr volles Gehalt bekommen, erhält man oft Lohnersatzleistungen. Dazu zählen zum Beispiel das Arbeitslosengeld, Mutterschaftsgeld oder auch das Krankengeld. Alle diese Leistungen sind steuerfrei. Das klingt erstmal sehr gut, jedoch gibt es da einen Haken. Die Lohnersatzleistungen, oder auch Entgeltersatzleistungen genannt, müssen in der Steuererklärung angegeben werden. Für sie gilt der Progressionsvorbehalt. Das bedeutet, dass diese Zahlungen zur Berechnung des Steuersatzes mit einbezogen werden. Der Prozentsatz der zu zahlenden Steuern steigt dadurch. In diesem Beitrag erfahren Sie alles, was Sie zu diesem Thema wissen müssen und was Sie beachten müssen.

Was unterliegt dem Progressionsvorbehalt?

Hier finden Sie einige Beispiele für steuerfreie Lohnersatzleistungen und Einnahmen, die aber dennoch Ihren Steuersatz erhöhen:

  • Arbeitslosengeld I
  • Kurzarbeitergeld
  • Krankengeld oder vergleichbare Lohnersatzleistungen
  • Mutterschaftsgeld
  • Entschädigungen für Verdienstausfall nach dem Infektionsschutzgesetz
  • steuerfreie Aufstockungsbeträge oder Zuschläge
  • Elterngeld nach dem Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz
  • Einkünfte, die zur Vermeidung der Doppelbesteuerung steuerfrei sind

Die meisten Einkommens- oder Lohnersatzleistungen finden Sie nicht auf Ihrer Lohnsteuerbescheinigung. Sondern das Einkommensteuergesetz regelt, welche Einnahmen dem Progressionsvorbehalt unterliegen. So können auch ausländische Einkünfte dem Progressionsvorbehalt unterliegen.

Von der Leistungsfähigkeit zum Steuersatz

Der sogenannte Progressionsvorbehalt steht in Zusammenhang mit der Einkommensteuer. Also der Steuer, für die Sie Ihre Steuererklärung abgeben und die dann vom Finanzamt per Bescheid festgesetzt wird. Dieser Prozess wird auch als Einkommensteuerveranlagung bezeichnet. Die Einkommensteuer soll dabei auf der individuellen Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen basieren. Somit bestimmt die Höhe des erwirtschafteten Einkommens den jeweiligen Steuersatz.

Steuerfreie Einnahmen…

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie steuerfreie und ausländische Einnahmen behandelt werden. Denn schließlich haben auch diese Einnahmen die Leistungsfähigkeit erhöht. Bleiben die dann unberücksichtigt, fallt der Steuersatz niedriger aus. Folglich würde die Steuer nicht mehr der individuellen Leistungsfähigkeit entsprechen. Das soll durch den sogenannten Progressionsvorbehalt vermieden werden.

Welche Einnamen nun steuerfrei sind, ist im Einkommensteuergesetz geregelt. Und das sind eine ganze Menge. Steuerfrei sind insbesondere Einkommens- oder Lohnersatzleistungen, z. B. Leistungen aus einer Kranken- und Pflegeversicherung oder staatliche Leistungen. Etwa das Krankengeld, das Sie im Krankheitsfall als Lohnersatz von der Krankenkasse beziehen.

Darauf müssen Sie keine Steuern zahlen! So haben Sie das bestimmt schon öfter gehört. Und in einem Nebensatz fiel dann sicherlich auch schon den Begriff Progressionsvorbehalt. Da stellt sich vielen die Frage: Müssen Einkommens- oder Lohnersatzleistungen nun versteuert werden oder nicht?

… führen zu höherem Steuersatz

Einkommens- oder Lohnersatzleistungen sind zwar steuerfrei. Dennoch zählen sie zum Gesamteinkommen dazu. Und dadurch kann sich Ihre Steuerlast erhöhen. Denn letztlich entscheidet die Höhe des Einkommens über den Steuersatz. Je mehr Einkommen Sie haben, desto höher ist Ihr individueller Steuersatz.

Das bedeutet, dass die Ersatzleistungen für die Berechnung Ihres individuellen Steuersatzes (Steuerprogression) herangezogen werden und diesen erhöhen. Das bezeichnet man als Progressionsvorbehalt. Das bedeutet, dass die Leistungen vorbehaltlich der Erhöhung des Steuersatzes steuerfrei sind.

Steuerfreie Ersatzleistungen unterliegen dem Progressionsvorbehalt. Dies führt zu einer höheren Besteuerung Ihrer übrigen Einkünfte, als es ohne die Ersatzleistungen der Fall wäre. Zahlen müssen Sie die Steuer am Ende aber nur auf Ihre steuerpflichtige Einnahmen.

Beispiel: Tim ist ledig und hat 2020 ein zu versteuerndes Einkommen in Höhe von 30.000 Euro sowie Kurzarbeitergeld und Krankengeld von zusammen 6.000 Euro. Für 2020 ergibt sich folgende Steuerberechnung (aus Vereinfachungsgründen ohne Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag):

 Ohne ProgressionsvorbehaltMit Progressionsvorbehalt
Durchschnittssteuersatz17,29 Prozent19,71 Prozent
Einkommensteuer5.187 Euro5.913 Euro

Die steuerfreien Lohnersatzleistungen führen also zu 726 Euro Mehrsteuern.

progressionsvorbehalt beispiel grafik

Was unterliegt nicht dem Progressionsvorbehalt?

Keine Angst, es gibt aber auch zahlreiche Leistungen, die nicht besteuert werden und trotzdem nicht dem Progressionsvorbehalt unterliegen. Beispielsweise sind das:

  • Arbeitslosengeld II
  • Betreuungsgeld
  • Gründungszuschuss
  • Krankentagegeld einer privaten Krankenversicherung
  • Sozialhilfe
  • Überbrückungsgeld nach dem SGB III

Muss ich beim Progressionsvorbehalt eine Steuererklärung abgeben?

Wenn Sie Einkommens- oder Lohnersatzleistungen erhalten, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen, müssen Sie zwingend eine Steuererklärung abgeben.

Beispiel: Haben Sie im Jahr 2020 Einkommens- oder Lohnersatzleistungen erhalten? Dann müssen Sie im nächsten Jahr Ihre Einkommensteuererklärung ans Finanzamt schicken. Dafür haben Sie Zeit bis zum 31.07.2021 (ohne Steuerberater) bzw. 28.02.2022 (mit Steuerberater).

Denn häufig kommt es zu einer Steuernachzahlung. Grund hierfür ist, dass bei Ihrem laufenden Gehalt unterjährig der Steuersatz vor dem Progressionsvorbehalt angewandt wird. Im Rahmen der Steuererklärung erhöhen Einkommens- oder Lohnersatzleistungen aber den Steuersatz. Auf Ihr Gehalt wird nachträglich dann der höhere Steuersatz angewandt. Die unterjährig zu wenig gezahlte Steuer muss nachgezahlt werden.

Steuerfreie oder unversteuerte Einnahmen, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen, können also Steuernachzahlungen auslösen. Dies sollten Sie bedenken, wenn Sie wissen möchten, was von Ihrem Jahreseinkommen netto übrig bleibt.

Zufluss-Zeitpunkt

Für die Besteuerung bzw. den Progressionsvorbehalt ist wie beim laufenden Lohn entscheidend, wann das Geld auf Ihrem Konto eingeht. Z. B. wird Arbeitslosengeld in dem Jahr dem Progressionsvorbehalt unterworfen, in dem Sie es bekommen haben.

Es gibt aber eine Ausnahme bei regelmäßig wiederkehrenden Leistungen. Wenn Ihnen diese kurze Zeit vor Beginn oder kurze Zeit nach Ende des Kalenderjahres zufließen, zu dem sie wirtschaftlich gehören, gelten sie als in dem Kalenderjahr bezogen, für das sie geleistet wurden. Unter einer kurzen Zeit versteht man maximal 10 Tage. Also ein Zeitraum vom 21.12.-10.01.

Beispiel: Lisa wird Ende 2020 arbeitslos. Sie erhält fortan Arbeitslosengeld I am Monatsende. Wird ihr das Geld für Dezember 2020 beispielsweise erst am 5.1.2021 auf das Bankkonto überwiesen, gilt es dennoch 2020 als zugeflossen und ist in der Steuererklärung 2020 anzugeben.

Ermäßigt besteuerte Einnahmen

Der positive Progressionsvorbehalt wirkt auf das übrige Einkommen steuererhöhend. Besonders bei Einnahmen, die ermäßigt besteuert werden. Wenn diese mit anderen Einnahmen zusammentreffen, kann der Steuervorteil aus der ermäßigten Besteuerung schnell verloren gehen. Das wird neben laufenden Einnahmen insbesondere bei Einnahmen deutlich, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen. Hier schlägt der Progressionsvorbehalt besonders stark zu.

In extremen Fällen kann es sein, dass der Steuersatz derartig nach oben schnellt, dass plötzlich eine Steuernachzahlung in Höhe des zuvor bezogenen Lohnersatzes fällig wird. Um nicht ins offene Messer zu laufen, sollten Sie diesen Effekt im Auge haben. In besonderen Fällen kann es daher Sinn machen, das Zusammentreffen von steuerermäßigten Einnahmen mit Lohnersatzleistungen zu vermeiden. Beispielsweise bei Abfindungen und Arbeitslosengeld.

Andererseits könnte es zudem Sinn machen, Ausgaben ins Jahr von ermäßigt besteuerten Einnahmen vorzuziehen. Diese können einen ähnlich extremen Effekt wie der Progressionsvorbehalt haben, dann allerdings steuermindernd. Besonders könnten hier Altersvorsorgeaufwendungen oder Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung wirken, die vorausgezahlt werden.

Negativer Progressionsvorbehalt

Es gibt nicht nur positive Einkünfte, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen und die Steuerlast erhöhen. Es gibt natürlich auch negative Einkünfte, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen und die Steuerlast mindern. Der negative Progressionsvorbehalt kann den Steuersatz sogar bis auf Null drücken.

Beispielsweise kann das bei der Rückzahlung von Einkommens- oder Lohnersatzleistungen der Fall sein. Etwa weil Ihnen zunächst zu viel Krankengeld gezahlt wurde und Sie das in späteren Jahren wieder an die Krankenkasse zurückzahlen.

Auch Verluste aus ausländischen Einkünften können zu einem negativen Progressionsvorbehalt führen. Die Verluste könnten bei der Berechnung des Steuersatzes vom Einkommen abgezogen werden. Denn schließlich haben die Verluste Ihre Leistungsfähigkeit gemindert und das sollte sich im Steuersatz widerspiegeln.

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Mit dem steuer:Abruf ruft WISO Steuer Ihre Daten automatisch vom Finanzamt ab. Auch die Lohnersatzleistungen. Die Formulare für Lohn, Renten und vieles mehr werden automatisch ausgefüllt. Sie sparen sich das mühsame Abtippen und die Werte werden direkt an der richtigen Stelle in Ihrer Erklärung eingetragen.

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Steuerberatung?

Einzelfragen zu Ihrer Steuererklärung darf leider nur ein Steuerberater beantworten. Wir freuen uns jedoch über Lob und Kritik und nehmen Ihre Anregungen gerne für zukünftige Beiträge auf.
Übrigens: In unserer Steuer-Software finden Sie eine ausführliche Hilfe und Tipps zu allen Themen rund um Ihre Steuererklärung.

  1. 1
    Edgar Beck

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich habe meine Steuererklärung 2018 am 03.04.2020 an Finanzamt Pirmasens geschickt , aber bis heute 29.04.2020 keine Antwort bekommen.

    MFG
    Edgar Beck

    • 2
      Carina Hagemann

      Guten Tag Herr Beck,

      Vielen Dank für Ihre Nachricht. Bearbeitungszeitunen über einen Monat hinaus sind durchaus nicht ungewöhnlich.
      Dabei ist es egal, für welches Steuerjahr Sie die Steuererklärung abgegeben haben.
      Gerade in der Corona-Krise können sich die Bearbeitung sicherlich verlängern. Auch haben einzelne Leser bereits von
      teilweise technischen Schwierigkeiten in den Finanzämtern berichtet.

      Warten Sie jedoch länger als drei Monate auf Ihren Steuerbescheid, können Sie vorsichtig beim Finanzamt nachhaken, wie denn der aktuelle Bearbeitungsstand Ihrer Steuererklärung ist.

      Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie Ihren Steuerbescheid schnellstmöglich erhalten werden.

      Viele Grüße,
      Carina Hagemann
      Tax Specialist von steuernsparen

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